„Er sieht so trocken aus,“ erwiderte Ilse, „wir müssen aber davon essen, sonst wird Röschen böse.“

Nach der langen Fahrt in der Kälte schmeckte es allen herrlich, selbst Rosis Kuchenberg verschwand, und die große Kaffeekanne wanderte schon zum zweiten Male hinaus, um frisch gefüllt zu werden. Sogar Althoff ließ sich zu einer [pg 172]zweiten Tasse herab, begleitete aber jeden Schluck mit einer drolligen Grimasse.

Als die Wirtin die Tassen forttrug und den Tisch abräumte, verschwand Flora mit geheimnisvoller Miene. Die Herren blieben sitzen und zündeten sich eine Zigarre an, die Freundinnen aber gingen plaudernd Arm in Arm im Zimmer auf und ab. Das Gasthaus war schon einige Jahrhunderte alt, das Gebäude gehörte früher zu einem Kloster, und erst die Großeltern der alten Wirtsleute hatten eine Wirtschaft darin errichtet. Baulich war wenig verändert, und gerade das Altertümliche gab dem Ganzen etwas ungemein Gemütliches. Der Saal, in welchem die Gesellschaft sich befand, mochte einst das Refektorium gewesen sein; es war ein großer Raum, ringsum mit Eichenholz getäfelt, das die Zeit fast schwarzbraun gefärbt hatte. Ebenso dunkel waren auch die massigen, dicken Balken in der Decke; ein alter Kronleuchter in Gestalt eines Reifes, welchen heute brennende Kerzen schmückten, hing am mittelsten Balken. Die dicken Mauern bildeten an den Fenstern tiefe Nischen, mit molligen Plätzchen, zu welchen man eine Stufe hinaufsteigen mußte. Die niedrigen Fenster gingen nach dem Garten hinaus und lagen nicht hoch über der Erde, so daß man draußen bequem mit der Hand hineinreichen konnte. In einem der Erker war zu beiden Seiten Efeu in niedrige, lange Kasten gepflanzt. Die grünen Ranken hatten sich fest an die alten Mauern angeklammert und waren so üppig gewachsen, daß sie die ganzen Wände bedeckten und eine reizende Laube bildeten. Hohe korbgeflochtene Wände zu beiden Seiten, ebenfalls mit Efeu bewachsen, ließen nur einen schmalen Eingang frei. Dahinter saß man auf dem alten geschnitzten Eichenholzstuhl mit verblichenem Lederbezug vollständig verborgen. Man konnte sich kein lauschigeres Versteck denken.

Die jungen Damen blieben bewundernd davor stehen [pg 173]und waren entzückt über diese grünende Laube mitten im Winter. Sie malten sich aus, wie schön es sein müßte, hier so abgeschlossen und ungestört über einem Buche zu sitzen.

Da wurden sie plötzlich durch erstaunte ‚Ah’s‘ und ‚Oh’s‘ der Herren aufgeschreckt. Sie sahen sich um und erblickten Flora im weißen Kleide, das überall mit gläsernen Eiszapfen behängt war; einen weißen Schleier, mit kleinen Watteflöckchen besetzt, hatte sie um den Kopf geschlungen, und das alles war mit glitzerndem Silberstaub bestreut. Man konnte keinen Augenblick im Zweifel sein, daß sie ein Sinnbild des Winters vorstellen wollte.

In der Mitte des Saales blieb sie stehen und deklamierte mit vielem Pathos ein langes Gedicht, das natürlich ihrer Feder entstammte. Es war darin viel vom kalten Winter, von Schnee und Eis die Rede. Als sie geendet hatte, blickte sie siegesgewiß umher und sah in lauter vergnügt lachende Gesichter. Sie glaubte natürlich, die Freude über ihr schönes Gedicht wäre es, welche die Zuhörer so heiter gestimmt hätte, und als man sogar in die Hände klatschte und ihr ‚bravo‘ zurief, strahlte sie, und ein triumphierender Blick flog zu ihrem früheren Lehrer hinüber; er sollte ihn daran erinnern, wie er damals in der Pension ihre Dichtung zu der Vorsteherin Geburtstag so schnöde abgewiesen hatte. Jetzt mußte er doch einsehen, wie er ihr großes Talent verkannt und wie tiefes Unrecht er ihr zugefügt hatte.

Auf eine Person aber hatte ihr Gedicht einen wirklichen Eindruck ausgeübt, und das war die alte Wirtin. Sie hatte Tränen der aufrichtigsten Rührung in den Augen, über die sie öfter verstohlen mit dem Schürzenzipfel fuhr. Flora weinte beinahe mit, als sie die Frau sah, und versprach, ihr das Gedicht zu schicken.

„Es wohnt doch oft in einfachen Leuten der wahre [pg 174]Sinn für Poesie; der Geist, noch ungekünstelt und natürlich, begreift leichter das Edle, Schöne.“

„Unbescheiden bist du gar nicht, Flora,“ lachte Orla, „das muß ich gestehen.“

„Orla,“ versetzte Flora ernst, fast feierlich, „du, der die enge Welt des Weibes zu klein wurde, wie mir, du welche die Schranken durchbrachst, wie ich es tat, du, welche eine Jüngerin auf dem Gebiete der Wissenschaft werden willst, du solltest nicht spotten, wo es sich um so wichtige Dinge handelt.“