„Ich versichere Sie, Frau Pastorin,“ fuhr der junge Mann fort, „es sind nicht die schlechtesten Menschen, welche Sie als Raufbolde verachten, und ebensowenig sind diejenigen die besten, welche tun, als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die Jugend muß austoben und kann auch mal über den Strang schlagen. Wer inneren Gehalt und Charakter besitzt, dem wird die ernste Pflicht zu arbeiten schon zur rechten Zeit einfallen, der wird trotzdem ein brauchbares Mitglied der Menschheit werden. Doch, was ich vor allen Dingen sagen wollte, Frau Pastorin: der Student mag raufen, oder auf den Bänken der Hörsäle sitzen, niemals wird er die Ritterlichkeit gegen eine Dame vergessen. Und deshalb braucht Ihre Freundin keine Männerkleidung anzulegen, sie braucht die Weiblichkeit nicht abzustreifen, [pg 176]wenn sie auch das hergebrachte Gebiet der Frau verläßt. In dieser Beziehung wird Fräulein Sassuwitsch nichts zu befürchten haben, denn keiner ihrer künftigen Studiengenossen wird ihr jemals zu nahe treten. Wehe dem, der das wagte!“
Bei den letzten Worten hatten seine Augen fast drohend gefunkelt und alle waren erstaunt über diese warme Verteidigung. Flora aber eilte stürmisch auf ihn zu und drückte ihm unter überschwenglichen Dankesworten die Hand, weil er so lebhaft für das Weib eingetreten sei, welches sich aus den alltäglichen Verhältnissen befreit habe, um einem höheren Triebe zu folgen.
Sie geriet förmlich in Verzückung und klagte ihm immer wieder vor, wie bitter und schwer sie oft darunter zu leiden hätte, daß sie sich noch mit andern Dingen beschäftige, als mit Kochen und Strümpfestopfen. Es hätte ihr so wohl getan, ein solches Urteil aus seinem Munde zu hören. Sie sprach und geberdete sich dabei so lebhaft, daß die Eiszapfen an ihrem Kleid beständig aneinander klirrten. Er hörte aber nur halb auf die schwatzende unruhige Gestalt vor ihm und nickte nur mechanisch einige Male mit dem Kopfe, indem er sich willenlos von ihr die Hand drücken ließ. Seine Augen suchten Orla, welche an den Efeu-Erker getreten war und die Blätter und Ranken spielend durch die Finger gleiten ließ. Warum ertappte sie sich gerade diesem Mann gegenüber auf einer Befangenheit, die ihr sonst fremd war, warum scheute sie sich aufzusehen und seinem Blicke zu begegnen? Es war ihr unbehaglich, dieses Gefühl, und doch, wie ein Echo tönten seine Worte in ihrem Herzen fort.
„Orla, du bist ja so in Gedanken versunken,“ sagte da Ilse neben ihr. „Komm, ich glaube Rosi ist ärgerlich auf den Doktor, sieh nur, was sie für ein böses Gesicht macht!“
Sie hing sich an Orlas Arm und führte sie mit sich fort. Sie selbst war voller Begeisterung über Andres, weil [pg 177]er die Freundin so warm verteidigt hatte, und wunderte sich nur, daß diese so wenig darauf einging, ja nicht einmal damit einverstanden zu sein schien, daß der junge Mann so lebhaft ihre Partei ergriffen hatte. Ilse verglich ihn im stillen mit Leo; ganz so würde auch er gesprochen und gleich offenmütig eine gute Sache verteidigt haben. Sie gönnte Rosi die Abfertigung, denn sie hatte sich über deren schroffes Urteil sehr geärgert.
Die Frau Pastorin saß neben ihrem Mann und machte in der Tat ein sehr böses Gesicht. Leise und aufgeregt sprach sie auf ihn ein, und versuchte in ihrer Empörung, daß ihr so etwas gesagt worden war, ihn zum Fortgehen mit ihr zu bereden.
„Aber Kind, es war doch nicht so böse gemeint,“ suchte er sie zu beruhigen, „was sollen sie denken, wenn wir jetzt fortgehen!“
„Du hättest für mich eintreten müssen,“ sagte sie erregt, „aber natürlich, deine Frau kann beleidigen wer will, dir ist es gleichgültig.“
„Aber Rosi,“ verteidigte er sich, „wie kannst du nur so etwas sagen! Ich fand, der Doktor hatte ganz recht.“
„Natürlich, nun gibst du ihm auch noch recht, da hört doch alles auf.“