Wütend drehte sie ihm den Rücken zu.
Eine rechte Stimmung wollte nach diesem Zwischenfall in der Gesellschaft nicht wieder aufkommen. Nun wurde auch noch Floras Mann, dessen Anwesenheit im Dorfe bekannt geworden war, zu einem schwer Kranken geholt. Er zögerte selbstverständlich keinen Augenblick und sah sich suchend nach Flora um, die abermals verschwunden war, diesmal mit dem Referendar. Er bat daher Nellie, sie möchte Flora mitteilen, daß er in kurzer Zeit wieder zurück sein würde. Kaum war er fortgegangen, als sich die Türe öffnete, und aus einem Nebengemach die Klänge eines Strauß’schen [pg 178]Walzers ertönten. Flora erschien auf der Schwelle, während man Lüders vor einem alten Klavier sitzen sah.
„O, das ist schön!“ rief Nellie vergnügt über diesen Einfall. „Florchen, du bist eine Engel mit deine Überraschungen heute. O, das herrliche Walzer!“
Sie wippte mit dem Fuße den Takt und summte halblaut die Melodie dazu.
Mit den Klängen der ‚schönen blauen Donau‘ war wieder Leben in den kleinen Kreis gekommen. Die Herren sprangen auf und holten sich die Damen zum Tanze. Eben wirbelten Althoff und Ilse an Nellie vorbei, ihnen folgten Andres mit Orla, und als sich die beiden Mädchen endlich mit heißen Wangen niederließen, tanzte Nellie mit ihrem Mann und der junge Arzt forderte Rosi zum Tanze auf. Sie nahm bei seiner Bitte eine unnahbare und beleidigte Miene an und lehnte dankend ab, aber er bat so liebenswürdig, daß sie sich schließlich von dem Zauber seiner Persönlichkeit hinreißen ließ und einwilligte, mit ihm zu tanzen. Ganz versöhnt und sogar heiter lächelnd kehrte sie auf ihren Platz zurück. Welche Frau bliebe auch unempfindlich gegen die kleinste, ihr dargebrachte Huldigung eines schönen Mannes!
Der Pastor hatte sich schleunigst Ilse zum Tanze geholt, [pg 179]als ihm seine Frau entführt wurde, er tanzte aber so ungeschickt, daß Ilse seinen kühnen Sprüngen kaum folgen konnte und verschiedene Male mit ihm stolperte. Als er sich ganz bestürzt entschuldigte, sagte sie freundlich, er tanze ja sehr gut, denn sie wollte ihm das Vergnügen nicht verderben. Dem flotten Walzer folgte eine Polka, dann ein Galopp und so weiter; man wurde nicht müde, alles plauderte, scherzte und lachte, die lustigste Laune war wieder eingekehrt. Nellie löste jetzt den Referendar ab, der sofort zu Ilse eilte, um sie zum nächsten Tanz aufzufordern. Sie schützte aber Müdigkeit vor, und wieder mußte er mit einem Korbe abziehen. Eine zornige Röte stieg ihm ins Gesicht und er biß sich wütend auf seine schmalen Lippen.
„Nun ist’s genug,“ entschied Althoff, als eben ein neuer Tanz beginnen sollte. „Wir müssen an das Abendessen denken. Herr Pastor, wollen wir zusammen den Punsch brauen? Und du, Nellie, hast ja noch allerhand Delikatessen mitgebracht und solltest dich mit der Wirtin verständigen!“
„O yes, darling, ich werd schon machen. Die Herren brauen den Punsch, wir Damens decken den Tisch, – o, es wird fein. Kommt Kinder!“
Die Wirtin war schon dabei, im Nebenzimmer den Tisch zu decken, als Nellie sie aufsuchte. Die jungen Damen halfen der alten Frau unter Lachen und Scherzen, so daß diese meinte, eine so lustige Gesellschaft sei lange nicht bei ihnen eingekehrt.