Nur Rosi bewahrte ihre steife Würde, ihr pedantischer Sinn verstand keine harmlose Heiterkeit.
Floras Mann hatte durch einen Boten bestellen lassen, daß man mit dem Abendessen nicht auf ihn warten solle, da er noch längere Zeit fortbleiben müsse.
„Habe ich nun nicht recht?“ seufzte Flora. „Wird mir nicht jedes Vergnügen vergällt? Wahrhaftig, wer die [pg 180]Frau eines Arztes wird, übernimmt damit die Rolle einer Entsagenden.“
Heute abend jedoch fiel Florchen gänzlich aus dieser Rolle, sie vergaß die Abwesenheit ihres Gatten sehr bald und stimmte in die Ausgelassenheit der andern mit ein. Mitten auf dem Tisch prangte die dampfende Terrine, und Doktor Althoff forderte Flora scherzend auf, in ihrem weißen Gewande heut abend die Hebe zu spielen. Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, stellte sich aber bei diesem Amt so ungeschickt an, daß sie jedesmal vorbeigoß und der Punsch am Glase herunterlief, bis schließlich Nellie sagte: „Laß mir nur machen, Flora,“ wobei sie ihr den Löffel aus der Hand nahm.
Vergnügt lächelnd saß der Pastor hinter seinem Glase. Rosi hat ihn zu Anfang beiseite gezogen und sich fest von ihm versprechen lassen, daß er nicht, wie damals bei Althoffs, zu viel trinken würde. Sie selbst nippte kaum am Glase, indem sie behauptete, keinen Wein vertragen zu können, da er ihr zu Kopf stiege.
Ilse war merkwürdig still geworden. Sie wußte selbst nicht, wie es kam, daß ihre Gedanken diesen Abend immer in die Ferne schweiften und an einem Wesen haften blieben, welches Leos Züge trug. Erinnerten sie die leuchtenden Augen des jungen Arztes, der neben Orla saß und in eifriger Unterhaltung keinen Blick von dieser wandte, an die Augen ihres Leo, die mit so viel Glück und Innigkeit auf ihr zu ruhen pflegten? Oder war es das silberne Mondeslicht, das Erinnerungen in ihr wachrief? Liebten sie doch beide im Mondenschein zu schwärmen. Oft war sie mit ihm Hand in Hand weit hinaus über die Felder und Wiesen gegangen und sie hatte sich ganz dem Zauber eines Mondscheinabends hingegeben. Oder sie lehnten zusammen am Fenster und sahen zu, wie die Strahlen des Mondes durch das Blätterwerk im Garten brachen. Ob er jetzt wohl auch [pg 181]an sie dachte, ob er, wie sie, solche Bilder an seinem Geiste vorüberziehen ließ?
Das Lachen und Stimmengewirr rief sie in die Wirklichkeit zurück, und doch hätte sie gern so noch weiter geträumt. Sie blickte durch die offene Tür in den Saal, wo die Kerzen erloschen waren und statt dessen das Mondlicht voll hereinflutete. Wie magnetisch davon angezogen, stand sie auf und ging hinein. Sie hatte den dringendsten Wunsch, jetzt allein zu sein, um sich ungestört in die Vergangenheit senken zu können. In dem efeubewachsenen Erker auf dem alten Stuhl ließ sie sich nieder und schmiegte den Kopf an die hohe Lehne. Hier übergoß der Mond alles mit einem bläulichen Lichte, welches auf den dunklen Blättern glänzte. Nun war es fast wie daheim, wenn sie und Leo auf der von wildem Wein umlaubten Veranda saßen und er ihr unter dem grünen Blättergewirr tausend süße Liebesworte zuflüsterte. Es kam ihr vor, als wäre sie plötzlich alt und diese Zeit läge weit, weit hinter ihr. Würde sie denn noch einmal wiederkehren, oder war Liebe und Glück für immer vorbei? Dann allein durch ihre Schuld, raunte ihr eine innere Stimme zu. Sie mußte sich die Hand auf das unruhig klopfende Herz pressen.
Flora hatte dem Verschwinden Ilses mit den hochtrabendsten Worten eine Erklärung gegeben. „Die Sehnsucht nach dem Ferngeliebten,“ sprach sie theatralisch, „zaubert ihr sein Bild hierher. Sie ist nun mit ihm vereint, und wir dürfen das glückliche Paar nicht stören.“
Sie erhob die Arme und streckte sie aus, wie wenn sie als Schutzengel über die beiden zu wachen hätte.
„Hu, hu, du siehst ja wie ein Geist aus, ich fürchte mir,“ rief Nellie und brachte damit Flora, die wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, in die Wirklichkeit zurück.