Der Referendar, welcher sich Ilse beim Abendessen nicht mehr genähert hatte, nachdem er heute wiederholt von ihr [pg 182]abgewiesen worden, war ihr mit seinen stechenden Augen in den Saal gefolgt, und so sah er auch, wie sie in dem Erker verschwand. Sofort nahm er sich vor, ihr dahin nachzugehen, und als nach einer Weile Althoff nach der Uhr sah und zum Aufbruch mahnte, ergriff er schnell die Gelegenheit und erbot sich, das Anspannen besorgen zu lassen. Beim Hinausgehen lehnte er wie zufällig die offene Türe, die zum Saal führte, an. Als er dann zurückkehrte, klinkte er leise die andre Tür auf, die vom Hausflur in den Saal führte, und schlich sich auf den Zehen nach dem Platze, wo Ilse saß.

Sie hatte ihn nicht kommen hören und erschrak nun um so mehr, als sie plötzlich seine Stimme vernahm und ihn zwischen den Efeuwänden stehen sah. Sie sprang auf und wollte forteilen, aber er ließ sie nicht vorbei und drückte sie mit sanfter Gewalt auf ihren Platz zurück.

„Was wollen Sie hier?“ fragte sie in einem nicht mißzuverstehenden Tone, der deutlich bewies, wie fatal ihr seine Gegenwart war.

„Wie Sie, mein teures Fräulein, möchte ich den herrlichen Mondenschein genießen und dabei in Ihre schönen Augen sehen.“

„Was fällt Ihnen ein!“ rief sie empört und schnellte wieder empor.

„So bleiben Sie doch, ich tue Ihnen ja nichts,“ sagte er mit einschmeichelnder Stimme, indem er ihr den Ausgang versperrte. „Gestatten Sie mir nur eine Frage: Sind Sie glücklich?“

Sie gab keine Antwort, weil ihr eine namenlose Angst die Kehle zuschnürte, und sie nur den einen Gedanken hatte, wie sie ihm entfliehen könnte. Er aber deutete ihr Schweigen anders. War es nicht auch eine Antwort auf seine Frage?

„Ich wußte es ja,“ hub er wieder an, „ich las es in Ihren Augen, daß Sie nicht glücklich sind. Sie finden in [pg 183]mir eine mitfühlende Seele, welche Sie leider nur zu gut begreift. Auch ich bin an ein Wesen gekettet, das mich zu dem Unglücklichsten der Unglücklichen macht. Meine Braut, – o Himmel, daß ich ihr diesen süßen Namen geben muß –, nun, sie ist reich und sie wissen ja, ‚nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.‘ Auch meine Existenz hängt von dem leidigen Mammon ab, denn ich bin ehrgeizig und strebe nach hohen Zielen, aber ich bin arm und habe mich deshalb mit dem reichen Mädchen verlobt. Das arme Ding, sie ist so in mich verschossen!“

Ilse hatte schon einige Male versucht, ihn zu unterbrechen und sich durchzudrängen, – vergebens! Ekel und Abscheu erfaßte sie.

„Lassen Sie mich fort,“ sagte sie bebend vor Zorn.