„Wenn Sie mich angehört haben und den Kummer meines Herzens kennen, dann sollen Sie den Weg frei haben, aber erst müssen Sie mich hören und vielleicht gönnen mir Ihre Lippen ein Wort des Trostes.“

„Ich will Sie nicht hören,“ stieß Ilse in höchster Aufregung hervor; „lassen Sie mich gehen, oder ich rufe laut um Hilfe.“

„Sie werden doch keine Szene machen, den andern kein Schauspiel gönnen,“ sagte er höhnisch lachend.

„O mein Gott!“ stammelte Ilse und fiel in den Stuhl zurück, indem sie ihre Augen mit beiden Händen bedeckte.

„So, nun bleiben Sie ruhig sitzen, bis ich Ihnen zu Ende erzählt habe. Wie gesagt, meine Verlobte ist närrisch in mich verliebt, mir ist sie aber gleichgültig. Ich ertrug diese Fessel mit Geduld und Fassung, bis ich Sie sah, Ihre süße Stimme hörte, in Ihre himmlischen Augen schaute, die mir verrieten, daß auch Sie ein Band umschlingt, das Sie zerreißen möchten. Sah ich es nicht oft und deutlich aus Ihrem Erröten, aus ihrem gesenkten Blick bei der Nennung desjenigen, dem Sie ohne Liebe ihre Hand reichen wollen? [pg 184]Wie fühlte ich mich schon in dem Gedanken gehoben, in Ihnen eine gleichgestimmte Seele gefunden zu haben. Ilse, sagen Sie mir ein Wort des Trostes, der Hoffnung!“

Er näherte sich ihr. Sie hatte sich ganz in die Ecke gedrückt, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ihre Augen hatten einen starren Blick, ihr Atem stockte und ihr Puls flog wie im Fieber. Nun ergriff er ihre Hand, die sie, wie von einer Viper gestochen, zurückschleuderte.

„Sie kleine Spröde!“ sagte er mit äußerster Ruhe und beugte sich zu ihr herab, daß sein Atem sie streifte. In qualvoller Angst sprang sie auf und stieß ihn mit kräftiger Hand zurück, daß er taumelte. Dann schob sie die Efeuwand zur Seite. In dem Augenblick aber, als sie an ihm vorüber wollte, versuchte er seinen Arm um ihre Taille zu legen.

„Unverschämter!“ keuchte Ilse mit blitzenden Augen. In ihrer Todesangst wußte Ilse nicht, was sie tun sollte, sah nur sein Gesicht, das ihr wie das eines Teufels erschien, sie fühlte seine Berührung. Schon wollte sie um Hilfe schreien, da fiel ihr Blick auf das Fenster. Sie riß es auf, und ehe er es hindern konnte, war sie auf den Stuhl gesprungen, von da auf das Fensterbrett, und im nächsten Moment war sie draußen. Bis über die Knie versank sie in dem weichen Schnee. Sie raffte sich aber auf und lief, als folge er ihr auf den Fersen, so schnell als möglich weiter. Fort, nur fort aus seiner Nähe! Furcht und Scham trieben sie unaufhaltsam vorwärts. Sie kletterte über die niedrige Gartenhecke und rannte noch eine Strecke auf der Straße weiter, die ins Dorf führte. Endlich blieb sie erschöpft stehen, die Hand auf das pochende Herz gedrückt.

„O mein Gott,“ rief sie laut, „es ist zu schrecklich! O Leo,“ schluchzte sie in den stillen Winterabend hinein, „warum bist du so fern? Ach, wärst du doch jetzt hier, könnte ich bei dir sein!“

Und sie dachte, wie er doch so gut und edel sei. So hätte er nie gehandelt, wie der Erbärmliche, nie, niemals! Und würde er sie jetzt noch lieben, nachdem sie ihm so tiefes Leid zugefügt hatte, würde er vergessen können, was sie ihm getan? Und wenn er sich von ihr wandte, wenn sie für immer seine Liebe verloren hatte, mit der sie ein frevles Spiel getrieben, wie sie sich jetzt selbst in qualvoller Pein gestand! Sie bedeckte ihr brennendes Antlitz mit den kalten Händen. So trostlos mußte es einer Verstoßenen und Verlassenen zu Mute sein, wie ihr in diesem Augenblick.