„Was soll ich dir versprechen, darling?“

„Sage deinem Manne nicht, daß ich geflohen bin, ich müßte mich ja zu Tode vor ihm schämen.“

„Nein, Ilschen, beruhige dich, er wird nichts wissen. Ich sage ihm, wie ich Rieke erzählte, daß du mich eine kleine Überraschung bereitet hast.“

Im stillen lächelte sie über die naive Ilse, welche noch ohne Ahnung war, daß Mann und Frau keine Geheimnisse vor einander haben. Natürlich würde sie Fred alles erzählen, noch heute Nacht, und mit ihm beraten, was hier zu tun ist. Sie nahm das Licht, nickte Ilse herzlich zu und ging hinaus.

In der großen Aufregung, in der sie sich befand, war sie nicht imstande, sich zur Ruhe zu begeben. Vor ihrem Nähtisch, der im Eßzimmer am Fenster stand, setzte sie sich nieder und sah in Gedanken vor sich hin. Das Bild ihres Mannes stand im einfachen Stehrahmen vor ihr und sie betrachtete es lange Zeit sinnend. Ein seliges Gefühl des Glückes durchzog sie bei diesem Anblick, und in überwallender Zärtlichkeit küßte sie das Bild.

„Mein Fred,“ flüsterte sie leise mit strahlenden Augen. [pg 27]Sie nahm seine Liebe mit der Dankbarkeit eines demütigen Weibes entgegen, denn er hatte sie aus ihrem liebearmen Leben an seine Brust gezogen, an der sie nun für immer warm und sicher ruhte. Jetzt hatte sie eine Heimat, ein treues Menschenherz, das sie ihr eigen nennen durfte, dem sie sich ganz zu eigen gab. Ihre Gedanken gingen in dem Geliebten auf, sie hatte nur Auge und Sinn für seine Wünsche, sie lebte nur für ihn, und ihr Glück trübte kein dunkler Schatten.

Dann aber schweiften ihre Gedanken wieder zu der, welche in ihrem Fremdenstübchen in den weißen Kissen ruhte. Wäre diese doch auch erst, was sie war, eine glückliche Frau! Aber – sie sah mit großer Betrübnis voraus, daß die arme Ilse noch heiße Kämpfe bestehen müßte, bis sie ihren starren Sinn gebeugt, bis sie die wahre, echte Liebe kennen gelernt haben würde. Wenn Ilse Leo so liebte, wie sie ihren Mann, hätte sie dann so unverantwortlich handeln können? Mit Schrecken dachte Nellie daran, was Ilses Bräutigam wohl zu diesem Schritte sagen würde? O, mein Gott, wenn er ihr den Ring zurückgab, wie Lucies Bräutigam es getan hatte! Nellie bebte bei diesem Gedanken, und ihr treues Herz empfand bange Sorge um die Zukunft ihrer Freundin.

Die Uhr über dem Sofa schlug jetzt 11, nun mußte Fred jeden Augenblick kommen; mit Geduld und Sehnsucht erwartete sie ihn. Sie war ganz ratlos, und es mußte doch etwas geschehen. Ilses Eltern, die gewiß in Todesängsten waren, mußten auf alle Fälle Nachricht haben. Wie und auf welche Weise, das mußte sie doch erst mit Fred besprechen.

Durch die Scheiben sah sie auf die dunkle Straße hinab, die öde und verlassen dalag. Endlich glaubte sie in der Ferne Schritte zu hören. Ungestüm riß sie das Fenster auf und bog sich weit hinaus. Die kühle Nachtluft wehte ihr erfrischend um das Gesicht, der Regen hatte nachgelassen, aus den zerrissenen dunklen Wolken, die eilend vorüberzogen, [pg 28]sah der Mond hervor und beleuchtete mit bleichem Glanze Nellies Antlitz. Sie horchte gespannt in die stille Nacht hinaus. Die fernen Schritte waren verhallt, also war es ihr Mann doch nicht gewesen. Gerade heute blieb er länger aus, als sonst. Ob sie Rieke weckte und mit dieser ihm entgegen ging? Denn wie Feuer brannte es ihr auf der Seele, bis sie ihm alles erzählt haben würde. Schon wollte sie das Fenster schließen, um ihren Entschluß auszuführen, da hörte sie von neuem Schritte auf der Straße und diesmal waren es die ihres Mannes. Eilig schloß sie das Fenster und ging ins Zimmer zurück. Sie hörte, wie der Schlüssel in der Haustür umgedreht wurde und schnelle Tritte die Treppe herauf kamen. Jetzt schloß er den Vorplatz auf. Sie ging ihm bis an die Tür entgegen und nahm sich krampfhaft zusammen, um ruhig zu erscheinen.

„Nanu, noch auf, wie kommt das?“ fragte er bei ihrem Anblick erstaunt. „Du weißt doch, Kind, daß es mich unruhig macht, wenn ich denken muß, du wartest auf mich und wirst müde und abgespannt.“ Sie legte ihm schmeichelnd die Hand auf den Mund.