„Wie werden sich Althoffs freuen,“ fuhr sie fort, „wenn ich ihnen die interessante Neuigkeit überbringe.“
„Sie sind die erste, welche sie erfahren hat, gnädiges Fräulein; ich kann nicht beschreiben, wie froh ich darüber bin, wie dieses Glück erst jetzt den rechten Wert für mich bekommt, da Sie es wissen und ich in Ihren Augen lese, daß Sie sich mit mir darüber freuen. Fräulein Orla, soll ich Ihnen sagen, warum mich dieses Anerbieten jetzt noch viel mehr beglückt, als es das zu andern Zeiten getan hätte? Darf ich sprechen, wie mir um das Herz ist?“
Er hatte eindringlich mit steigender Wärme geredet. Orla beschleunigte bei seinen Worten ihre Schritte, sie wagte nicht ihn anzublicken. Ihre angeborene Ruhe, ihre Sicherheit in allen Lebenslagen verließen sie, und sie sann vergebens nach, welche Antwort sie ihm geben solle. Er hatte in einer andern Sprache zu ihr gesprochen, die sie noch nicht kannte, seine Stimme ging ihr in einer Weise zu Herzen, wie es ihr bis jetzt noch niemals vorgekommen war.
Andres bemerkte ihre Erregung und drang nicht weiter in sie. Aber seine Augen blickten feurig und leidenschaftlich in ihr blasses Antlitz. Ihre feinen Nasenflügel bebten, zwischen den kühngeschwungenen, tiefschwarzen Augenbrauen lag eine Falte, und die schnellen Atemzüge verrieten ihre innere Unruhe. Schweigend gingen sie vorwärts, in beiden wogten die Gedanken und keines vermochte zu sprechen.
„Habe ich Sie beleidigt?“ fragte er endlich, da Orla den Blick noch immer geradeaus richtete und ihm der Ausdruck ihrer Züge jetzt fast streng erschien.
„Nein, nein,“ gab sie schnell zur Antwort, „womit sollten Sie mich beleidigt haben? Ich war nur so schweigsam eben, – weil ich an etwas Wichtiges dachte –.“ Sie wollte eine Entschuldigung vorbringen, wurde aber bei dieser Ausrede verlegen und beendete den Satz deshalb nicht.
„Wissen Sie schon,“ fuhr sie fort, indem sie schnell das Thema abbrach, „daß Ilse morgen abreist? Sie wollte erst nächste Woche fort, aber ihr Vater wünscht dringend, daß sie jetzt kommt. Sie wird uns sehr fehlen.“
Er fühlte sich von dieser Wendung des Gesprächs nicht angenehm berührt. Sie schien zu ahnen, was er ihr hatte sagen wollen, und suchte nun leicht darüber hinwegzugehen; begriff sie denn nicht, daß dies die schmerzlichsten Zweifel in ihm wachrufen mußte? Und doch mußte er sich wieder sagen, daß die Scheu vor seiner Frage echt mädchenhaft und nur zu begreiflich war, und daß sie vielleicht deshalb so handelte, um Zeit zu gewinnen und sich zu sammeln. Er wußte ja genau, daß sie keine Kokette war, die nur mit ihm spielen wollte, und daß ihr auch in diesem Augenblick nichts ferner lag, als ihm die Aussprache dessen, was er ihr sagen wollte, zu erschweren. Scheinbar ruhig und unbefangen ging er auf ihr Gespräch ein.
„Werden Sie denn Weihnachten zu Hause verleben?“ fragte Orla wieder.
„Ja, ich reise zu meiner Mutter und werde bei ihr die Ferien zubringen.“