Sie hatte jetzt ihre Fassung wieder gewonnen und [pg 227]konnte mit unbefangenem Gesicht bei dem jungen Ehepaar eintreten. Bei Tische sprach sie lebhaft und viel; sie war lange nicht so redselig gewesen wie heute, und ihre Augen leuchteten in einem wunderbaren Glanze. Ilse saß ihr gegenüber und betrachtete sie mit heimlicher Bewunderung; sie glaubte, die Freundin nie so schön gesehen zu haben. Die leicht geröteten Wangen standen ihr zum Entzücken. Sie erzählte lebendig und spannend von ihrer Heimat und wußte dadurch die Gedanken von der bevorstehenden Trennung, welche namentlich Nellie und Ilse naheging, abzulenken. Dann und wann flogen ihre Blicke verstohlen nach der Uhr, und so oft jemand ins Zimmer hereinkam, wandte sie schnell den Kopf nach der Türe. Als Nellie erwähnte, daß Andres während ihrer Abwesenheit dagewesen sei, lächelte sie geheimnisvoll, so daß Ilse sie fragte, was denn ihre Heiterkeit erregt habe.

Nach dem Abendessen begab sich die kleine Gesellschaft wie gewöhnlich in Nellies gemütliches Zimmer, wo es heute besonders behaglich aussah. Ein helles Feuer knisterte in dem kaminartigen Ofen, und die Lampe mit dem Schirm von rosa Seide beleuchtete alles mit einem magischen Schimmer. Ein zarter Maiblumenduft, den die junge Frau besonders liebte, durchwehte den traulichen Raum.

Orla stand am Fenster und sah in die Nacht hinaus. Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen, denn es war die Zeit, welche sie verabredet hatten. Sie spähte die Straße entlang, das Gestöber hatte aufgehört, blendend weiß leuchtete ihr aus der Dunkelheit der Schnee entgegen. Mit fieberhafter Ungeduld sehnte sie den Augenblick herbei, der ihr den Geliebten bringen sollte, und es dünkte ihr eine Ewigkeit, die er sie warten ließ. Endlich sah sie eine hohe Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen, die es sehr eilig zu haben schien, denn mit großen Schritten näherte sie sich dem Hause. Das war er! Die Gartenpforte klirrte, gleich [pg 228]darauf fiel die Haustüre ins Schloß und nun wurde kräftig an der Klingel gezogen. Das Mädchen kam herein und meldete Doktor Andres, der ihr auch gleich auf dem Fuße folgte. Orla beugte sich tief über die Maiblumen im Fenster, um ihr Antlitz zu verbergen.

„Sie strahlen ja förmlich, Doktor, was ist denn mit Ihnen geschehen, haben sie etwa das große Los gewonnen?“ rief ihm Althoff scherzend entgegen.

„Ja,“ gab er lachend zur Antwort, und dabei überflog es seine Züge wie ein verklärender Schimmer. Er schritt auf Orla zu und legte ihre kleine kalte Hand in die seinige. So trat er mit ihr zu den andern in den Lichtkreis der Lampe, deren Schein ihr jetzt bleiches Gesicht rosig überhauchte.

„Ja,“ wiederholte er noch einmal, und seine Stimme zitterte leise. „Sie haben recht, Herr Doktor, ich habe das große Los gewonnen, – hier, hier ist meine Braut.“

Stürmisch zog er Orla an seine Brust.

Die Freunde hatten einen Augenblick wie sprachlos gestanden, dann aber brach ein wahrer Jubel los.

Die junge Braut wurde von Nellie und Ilse mit Fragen überschüttet, während sich die beiden Männer herzlich die Hände schüttelten. Orla lächelte selig, und in ihren Augen schimmerte es feucht. Dies versetzte die weichherzige Nellie in eine solche Rührung, daß ihr nun auch die Tränen über die Wangen rollten und sie Orla in langer Umarmung festhielt. Ilse, welche ihr unter vielen zärtlichen Küssen die innigsten Wünsche zugeflüstert hatte, bemerkte kaum die Tränen in den Augen der beiden festumschlungenen Freundinnen, als auch sie sich der Rührung nicht erwehren konnte und ihren Zähren freien Lauf ließ.

Jetzt wurde es aber den beiden Männern zu viel. „Das ist mir eine schöne Geschichte,“ rief Althoff, „da weint ihr alle drei statt zu jauchzen und fröhlich zu sein! Lieber [pg 229]Freund,“ wandte er sich zu Andres, „an Ihrer Stelle ließe ich es mir nicht gefallen, daß eine solche Freudenbotschaft mit Tränen begossen wird. Laßt uns dieselbe mit etwas andrem begießen, und auf das Wohl des jungen Paares anstoßen. Halt! Ich habe eine Idee! Nellie, Weib, wo sind die Weinkellerschlüssel? Daran werden Sie sich auch noch gewöhnen müssen, lieber Doktor, daß die Frauen alles unter Verschluß halten, sogar den Weinkellerschlüssel, am sichersten aber den – Hausschlüssel!“