Dabei warf er einen neckisch herausfordernden Seitenblick auf seine Frau.
„O du verleumderisches Mann,“ rief diese und nahm den Schlüssel aus einem zierlichen Körbchen. Er hob ihr Kinn in die Höhe und sah ihr in die Augen.
„Bist du mir böse, Schatz?“ fragte er zärtlich.
„Natürlich, du schreckliches Mann,“ antwortete sie und gab ihm scherzend einen Schlag.
„Au,“ rief er, „so wird man nun von seiner eigenen Frau behandelt! Erst sagt sie ‚schreckliches Mann‘ und dann haut sie einen sogar. Doktor, heiraten Sie lieber nicht, ich rate es Ihnen!“
Er lachte mit dem ganzen Gesicht in ausgelassener Laune, denn es machte ihm großen Spaß, seine Frau zu necken. Mit geheimnisvoller Miene verschwand er jetzt mit Nellie. Ilse folgte ihnen, weil sie sich höchst überflüssig bei dem Brautpaar fühlte.
Im Eßzimmer hörte man bald darauf ein geschäftiges Hinundherlaufen. Türen klappten, Gläser klangen, dazwischen tönte fröhliches Lachen und Sprechen. Nach einer Weile wurden die Flügeltüren geöffnet und das Brautpaar feierlich hereingeführt. Trotz der Kürze der Zeit hatten es die Freunde verstanden, alles festlich herzurichten. Die große bronzene Hängelampe strahlte in hellem Glanze. In den Wandleuchtern brannten Kerzen, deren Licht sich in den [pg 230]Gläsern und Krügen spiegelte, die ringsherum auf dem Wandgesims aufgestellt waren. Über den einladend besetzten Tisch war eine altdeutsche Spruchdecke gebreitet, und in der Mitte hatte Nellie ihre Blumen und Blattpflanzen malerisch aufgebaut. Daneben standen alte Meißner Schalen, mit Kuchen und Früchten gefüllt, während aus einem Champagner-Kühler einige Silberhälse hervorschauten. In dem Spitzglas, das auf Orlas Platze stand, duftete ihr ein Sträußchen aus Myrten und Maiblumen entgegen. Die sinnige Nellie hatte es aus den Blüten gebunden, in deren Anblick Orla sich so eifrig versenkt hatte, als Andres eintrat.
„Nellie, Ilse, Herr Doktor, wie kann ich euch danken für soviel Liebe und Freundschaft!“ rief Orla bewegt und auch Andres war voller Dankbarkeit für diese Überraschung. In heiterster Stimmung nahm die kleine Gesellschaft Platz. Helle Freude glänzte auf allen Gesichtern. Die Champagnerpfropfen knallten, und als die Gläser gefüllt waren, ergriff Doktor Althoff das seinige und ließ mit herzlichen Worten das neuverlobte Paar leben. Unter Scherzen, Lachen und Necken flogen die Stunden dahin. Nur eine stimmte nicht aus vollem Herzen mit in den Jubel der übrigen ein, das war unsre Ilse. Dem glücklichen verlobten Paare gegenüber kam sie sich wie eine verlassene Braut vor. Eine unerklärliche Bangigkeit rief immer neue Zweifel bei ihr hervor und machte sie beklommen. Fortwährend beängstigten sie quälende Fragen. Liebte er sie noch? Würde er ihr verzeihen? Ihr bangte vor den kommenden Tagen. O, könnte sie doch die Zeit verwischen, die ihm und ihr so viel Trübsal bereitet hatte, den Mißton fortzaubern, der die Eintracht ihrer Seelen störte. Ja, was half nun alle Reue? Die verflossenen Wochen und Monate kamen nicht wieder, sie waren ihnen beiden für immer verloren. Um wieviel frohe, glückliche Stunden hatte sie sich betrogen! –
Spät in der Nacht erst trennte man sich. Die Lichter [pg 231]erloschen, und die junge Braut, mit den verwelkten Maiblumen an der Brust, ging mit Ilse in das gemeinsame Schlafzimmer. Sie nahm die kleinen Glöckchen, die traurig die Köpfe hängen ließen, und legte sie zwischen die Blätter eines Buches.
„Zur Erinnerung an diesen Tag,“ sagte sie zu Ilse, welche auf ihrem Koffer saß und der Freundin mit schwermütigen Augen zusah.