„Erzähle deinem Bräutigam, was zwischen Leo und mir vorgefallen ist. Ich habe mich ihm gegenüber einmal recht kindisch benommen und ihm keine Aufklärung gegeben. Ich wollte es immer tun und konnte mich doch nicht entschließen, die Sache nochmals zu berühren. Jetzt aber, da du mit ihm verlobt bist und er mir dadurch viel näher gerückt ist, soll er alles wissen.“
Orla drohte lachend mit dem Finger.
„Das sind ja nette Geschichten, die ich da zu hören bekomme. Ihr beide habt Geheimnisse miteinander, da bin ich doch begierig, das nähere zu erfahren. Doch nun ernstlich, gute Nacht, ich bin so müde, daß mir die Augen zufallen.“
Ilse merkte wohl, daß Orla nur Müdigkeit vorschützte, um nicht mehr sprechen zu müssen, sondern ungestört träumen und denken zu können. Schweigend begaben sie sich zur Ruhe und lagen mit geschlossenen Augen da, aber noch lange wollte sich der Schlaf nicht einstellen. Beide kämpften mit dem stürmisch bewegten Herzen. Orlas Seele erbebte noch von dem Nachhall des seligen Glücks, das ihr der heutige [pg 233]Tag gebracht hatte, und Ilse ließ die Sehnsucht nach dem Geliebten spät erst Ruhe finden.
Der dämmerige Wintermorgen war schon längst angebrochen, als ein kräftiges Klopfen an der Türe die beiden Schläferinnen aus ihren Träumen erweckte. Die Fräulein müßten schnell aufstehen, rief das Mädchen, denn es sei schon sehr spät. –
Und nun war der Augenblick des Abschiednehmens gekommen, zur Abfahrt bereit stand Ilse auf dem Bahnhof. Die Freunde hatten sie natürlich begleitet. Während Althoff das Billet besorgte, schritt das Brautpaar selig plaudernd auf dem Perron hin und her. Ilse und Nellie aber standen Hand in Hand zusammen. Die Trennung wurde beiden sehr schwer, das sah man an ihren verweinten Augen; auf Ilses Wangen perlten noch immer die Tränen in hellen Tropfen.
„Ach, Nellie, wäre doch erst alles wieder gut, ich kann dir nicht beschreiben, wie es mir ums Herz ist.“
„O, du mußt nicht so bänglich sein, liebe Ilse, du hast so gute Eltern, eine so liebe Schatz, sie werden dich mit geöffneten Armen aufnehmen. Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, du mußt nur standhaft sein, willst du mir das versprechen?“
Ilse nickte, aber ihre dunklen Kinderaugen hatten noch einen sorgenvollen Blick, und der tiefe Seufzer, der sich ihrer Brust entrang, bewies, daß die tröstenden Worte der Freundin sie nicht vollständig zu beruhigen vermochten.
Andres und Orla traten jetzt heran, und Ilse verbarg ihr Gesicht in den duftenden Blumen, welche ihr die Freunde zum Abschied geschenkt hatten, damit Orlas forschende Augen nicht entdecken sollten, daß sie abermals von Zweifeln gequält wurde, – vor ihr wollte sie sich stark zeigen.