Jetzt kam auch Nellies Mann mit Fahrkarte und Gepäckschein, und nach wenigen Minuten brauste der Schnellzug [pg 234]herein, der Ilse in die Heimat entführen sollte. Noch ein letztes Mal hielten sie Nellies Arme innig umschlossen, unter Schluchzen dankte Ilse der treuen Freundin für alle Liebe und Freundschaft, die sie ihr erwiesen hatte. Dann küßte sie Orla und verabschiedete sich von den Herren. Nun stand sie am offenen Coupéfenster, und langsam setzte sich der Zug in Bewegung.
„Grüße mich deine lieben Eltern recht schön und das süße Baby!“ rief Nellie.
„Und schreibe bald,“ mahnte Orla.
„O ja, darling, du mußt uns dein glückliches Ankunft sofort auf eine Postkarte mitteilen, vergiß nicht.“
„Nein, nein, ich schreibe euch sofort,“ beteuerte Ilse.
Bis zum Ende des Perrons hatten die Freunde den Zug begleitet, dann blieben sie stehen und sahen der scheidenden Ilse grüßend und winkend nach, bis der letzte Zipfel von ihrem Schleier verschwunden war.
Auch sie schloß das Fenster erst, als nichts mehr von den Zurückbleibenden zu erblicken war. Dann nahm sie ihren Platz ein und schaute wehmütig durch die Scheiben.
Bald war auch das letzte Haus der kleinen Stadt, die [pg 235]ihr während ihres Aufenthaltes lieb und vertraut geworden war, ihren Blicken entschwunden. Über weite, öde Schneeflächen schweifte ihr Auge, dann bemerkte sie eine Gruppe von kahlen Bäumen, auf denen sich Scharen von Krähen niedergelassen hatten, die bei dem Geräusch des herannahenden Zuges mit lautem Gekreisch von den dürren Zweigen aufflatterten und davonflogen.
Ilse lehnte sich zurück und schloß in Gedanken verloren die Augen. Als sie die Heimat verließ, war es Herbst gewesen, welke Blätter wirbelten durch die Luft, Sturm und Regen waren ihre Reisebegleiter. So stürmisch wie draußen sah es damals in ihrer Seele aus, leidenschaftliche Gefühle wogten in ihrer Brust, und ihre Gedanken wirbelten gleichfalls durcheinander, wie die dürren Blätter. Heute begriff sie nicht und konnte nicht fassen, wie sie zu der abenteuerlichen Reise gekommen war. Sie verwünschte ihr unbändiges Wesen, das ihr schon so viele Stunden getrübt, so manchen heißen Kampf gekostet.