Hatte sie denn nicht alle Ursache, froh und zufrieden zu sein, war sie nicht ein verzogenes Kind des Glücks, vor tausenden bevorzugt? War man nicht immer bemüht, sie zu erfreuen, und wie hatte sie bisher alle diese Liebe vergolten? Um viele Erfahrungen reicher und durch Prüfungen gereifter, kehrte sie jetzt heim. Das Leben hatte ihr in buntem Wechsel gezeigt, daß Freud und Leid dicht zusammen wohnen, und daß der ein Tor ist, der die schönen Stunden, welche es bietet, nicht dankbar genießt, sondern in kindischem Übermut zerstört. Vernünftig und fügsam war sie wohl in der Pension geworden, aber auf wie lange? Durch die stete Nachgiebigkeit ihres Vaters und die blinde Liebe Leos war ihr alter Trotz bald wieder hervorgebrochen. Aber jetzt kehrte sie für immer geheilt zurück, hatte sie doch das bestimmte Gefühl, daß sie nicht wieder in ihren alten Fehler zurückfallen würde.
Orlas strahlendes Gesicht tauchte in diesem Augenblick vor ihr auf, und sie beneidete die Freundin fast um ihr Glück, welches sie sich gewiß nie durch kleinliche Zweifel trüben würde. Der Mann, dem Orla ihr Herz geschenkt hatte, durfte sicher sein, daß sie ihm kein unverdientes Leid zufügen werde. Aber konnte sie denn nicht dem guten Beispiel Orlas folgen und ebenso werden, wie diese? Lag das nicht einzig und allein in ihrer Hand?
Die Stunden vergingen in schnellem Fluge, so lebhaft beschäftigten sie ihre Gedanken, und je näher sie der Heimat kam, desto ruhiger schlug ihr Herz, desto leichter wurde ihr Sinn. Die Freude, ihre Eltern und das Brüderchen nach so langer Trennung wiederzusehen, drängte alle andern Gefühle, welche ihr die Heimkehr erschwerten, zurück. Sie wurde jetzt ungeduldig, zählte die Stationen und hauchte an die Scheiben, welche mit glitzernden Eisblumen bedeckt waren, um einen Blick in die Gegend werfen zu können, die nun immer bekannter und heimatlicher wurde.
Lebhaft drängte sich ihr die Erinnerung auf an ihre Ankunft im Vaterhause, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wessen Bild trug sie damals im Herzen, rein und klar mit den schüchternen Empfindungen der ersten, erwachenden Liebe? Und heute – welcher Unterschied! – dasselbe Bild stand auch jetzt deutlich vor ihrer Seele, aber nicht mit den schönen strahlenden Augen, welche sich bei jenem ersten Abschied so tief in die ihren gesenkt hatten, sondern mit schmerzlichem und vorwurfsvollem Blick. Noch war es indessen nicht zu spät. Sie bereute aufrichtig und war fest entschlossen, alles wieder gut zu machen, was sie verschuldet hatte. Lucies Bild, welches ihr oft mit drohendem und beängstigendem Ausdruck erschienen war, sah sie jetzt mit einem versöhnenden Blick an, und schien ihr sagen zu wollen: nur Mut und Vertrauen! Du kannst doch noch glücklich werden, auch mir [pg 237]ist ja nach langer Prüfungszeit noch Verzeihung und höchstes Erdenglück zu teil geworden.
Die letzte Station war vorüber, Ilses Herz bebte, denn noch wenige Minuten und sie war daheim. Sie suchte ihr Reisegepäck zusammen, legte die Blumen darauf, strich sich das Haar zurecht und stand dann erwartungsvoll am Fenster. Der schrille Pfiff der Lokomotive erschien ihr jetzt wie eine Erlösung aus ihrer Ungeduld und Sehnsucht. Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Da standen die geliebten Eltern, und jetzt wurde auch sie von ihnen bemerkt. Die Freude, welche bei ihrem Anblick auf deren Gesicht zu lesen war, rührte sie fast zu Tränen, und als sie dann in ihren Armen lag, stieg ein heißes Gefühl der Dankbarkeit für solche Liebe, solches Glück in ihr auf, so daß sie Vater und Mutter immer wieder und wieder küssen mußte.
Die Eltern waren mit dem Schlitten gekommen; Herr Macket fuhr selbst, und mit Windeseile trugen sie die geliebten Braunen dem heimatlichen Dorfe zu. Jeder Weg und Steg, jeder Baum und Strauch kam ihr wie ein lieber Bekannter vor. Als sie durch die Dorfstraße fuhren und das Schellengeläute viele Neugierige ans Fenster lockte, lauter bekannte Gesichter, konnte sie sich der beschämenden Erinnerung nicht erwehren, wie sie an jenem unglückseligen Tage dieselbe Straße in wilder Hast hinuntergeeilt und wie eine Sünderin den ihr begegnenden Dorfleuten ausgewichen war. Zum Glück hatten die Eltern so viel zu fragen, daß diese peinlichen Gedanken bald wieder verdrängt wurden.
Endlich hielt der Schlitten vor dem Tore. Wie eine Feder schnellte Ilse empor und sprang hinaus. Erst begrüßte sie die Dienstboten freundlich und streichelte die Hunde, welche vor Freude laut bellend an ihr emporsprangen und ihr die Hände leckten. Dann aber lief sie eilend ins Haus, denn es drängte sie unwiderstehlich, das Brüderchen zu um[pg 238]armen, welches am Fenster stand und mit seinen beiden dicken Fäusten an die Scheiben trommelte. Wie groß war es geworden, zu Ilses lebhaftem Erstaunen! Aber augenscheinlich wollte es nichts mehr von ihr wissen, denn es versteckte sich hinter die Wärterin, als sie es aufnehmen und herzen wollte.
„Ich bin ihm ganz fremd geworden,“ klagte sie nachher den Eltern; aber die Mama tröstete sie mit der Versicherung, daß der Kleine sich bald wieder an sie gewöhnen würde.
„Nun komm, Kind,“ sagte Herr Macket zärtlich zu Ilse und nahm ihr Hut und Pelzjäckchen ab, „nun komm, du sollst vor allem Essen und trinken, denn gewiß bist du ganz ausgehungert.“
Den Arm um ihre Schulter legend, führte er sie fort; man las in seinen Augen die Seligkeit, daß er seinen Liebling wieder hatte. In dem erleuchteten Eßzimmer, das Ilse jetzt mit den Eltern betrat, brannte ein lustiges Feuer in dem großen Kachelofen, dessen hellen Schein der blanke Fußboden wiederspiegelte.