Sie blickte sich um! Es war hier noch alles so, wie sie es verlassen hatte. Dort vor dem Diwan lag das große Bärenfell, das ein Freund ihres Vaters diesem einst geschenkt hatte. Daneben stand der Schaukelstuhl, genau auf derselben Stelle wie sonst, nichts fehlte an dem gemütlichen Plätzchen, und doch kam es ihr anders, verödet und verlassen vor. Sie mußte an die Zeit denken, da sie so oft mit Leo hier gesessen hatte. Der Schaukelstuhl war sein Lieblingssitz. Sie sah im Geiste, wie er sich leise hin und her wiegte, was er mit Vorliebe zu tun pflegte. So deutlich stand eben jetzt dieses Bild vor ihren Augen, daß sie seine Stimme zu hören und die blauen Dampfringel von seiner Zigarette zu sehen glaubte.
Gewaltsam mußte sie ihre Gedanken von diesem Platze [pg 239]losreißen, als sie sich jetzt mit den Eltern zu Tische setzte, aber immer wieder kehrten unwillkürlich ihre Blicke verstohlen nach dem leeren Schaukelstuhl und dem Diwan mit dem Bärenfell davor zurück.
Weder der Papa, noch Frau Anne erwähnten Leo, und Ilse, so sehr sie sich in ihren Gedanken mit ihm beschäftigte, konnte sich gleichfalls nicht entschließen, von ihm zu sprechen. Aber dennoch war es ihr schrecklich, daß sein Name nicht genannt wurde, und sie hatte schon einigemal einen Ansatz genommen, die Eltern um Verzeihung zu bitten und ihnen ihr Schuldgefühl einzugehen. Das war aber doch schwerer, als sie es sich gedacht hatte; es wollte sich auch keine rechte Gelegenheit finden, davon anzufangen, immer wieder kamen sie auf andere Dinge zu sprechen, immer wieder wurde ihr Entschluß zurückgedrängt. So vergingen die Stunden, und als sie sich am Abend von den Eltern trennte, da war ihr Geständnis noch nicht vom Herzen herunter. Darüber niedergeschlagen und verstimmt, suchte sie ihr Zimmer auf.
Auch hier war alles unverändert. Eine behagliche Wärme strömte ihr entgegen, auf dem Schreibtisch stand ihre Lampe mit dem Schirm darüber, der ein Geschenk von Nellie war. Die gepreßten Blumen und Blätter leuchteten hinter dem durchsichtigen Papier in fein gestimmten Farben und reizenden Formen. Einen Augenblick betrachtete Ilse sinnend das kleine Kunstwerk, dann schweifte ein Blick zu einem Bilde hin, das von dem hellen Licht scharf beleuchtet wurde. Fast betroffen fuhr sie zurück, als stände nicht Leos Bild, sondern er selbst dort. Sie nahm es in beide Hände, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Keck und übermütig schaute das schöne männliche Gesicht sie an, dessen kräftig vorspringende Nase und das feste Kinn auf einen ernsten, edlen Charakter wiesen.
Lange stand Ilse in den Anblick des Bildes versunken; es war ihr, als fühle sie nun erst die Tiefe ihrer Liebe zu [pg 240]Leo, heiße Sehnsucht ergriff sie, ihm zu sagen, wie sie jetzt dachte und fühlte. Die Trennung von ihm, die sie so lange ertragen hatte, wurde ihr mit einem Male unerträglich. Ob er wohl zu ihr eilen würde, wenn er ahnte, daß sie zurückgekehrt sei! Sie nahm sich fest vor, am andern Morgen mit den Eltern zu sprechen und ihm dann zu schreiben und ihn um Verzeihung zu bitten. Bebend dachte sie, ob er dann wohl zu ihr kommen würde?
Ihre Aufregung ließ sie nicht zur Ruhe kommen, und sie dachte deshalb auch nicht daran zu Bett zu gehen. Gedankenvoll ließ sie ihre Blicke durch das Zimmer schweifen. Wie viel Freude hatte ihr die reizende Einrichtung bereitet, mit der die lieben Eltern sie überraschten, als sie aus der Pension zurückkehrte. Wie glücklich hatte sie das traute Heiligtum gemacht, welches sie stets bestrebt war, immer noch mehr auszuschmücken. Den Blumentisch am Fenster, ein wahres Kunstwerk aus Schmiedeisen, hatte ihr Leo geschenkt. Mit herrlichen Blumen und Pflanzen gefüllt, stand er eines Morgens in ihrem Zimmer.
Auch der Bücherschrank war ein Geschenk von ihm. Die goldglänzenden Bücherrücken erinnerten sie lebhaft an vergangene Zeiten. Wie manches Werk ihrer Lieblingsdichter hatten sie zusammen gelesen, im Sommer unter der schattigen Linde, im Winter in Frau Annes molligem Boudoir. Sie hörte im Geiste den Wohlklang seines Organs, sie sah sein lebhaftes Mienenspiel beim Vorlesen. Und wenn sie ihn mit einer Frage unterbrach, wie klar und scharf war seine Antwort.
Die schönen Zeiten, sie sind vorbei und tauchen nun in Ilses Erinnerung auf, als gehörten sie einer fernen, fernen Vergangenheit an. Hier auf diesem Platze, an dem zierlichen Schreibtisch, welcher nach Mädchenart mit allen möglichen Nippsachen überfüllt war, die zum Teil noch den kindlichen Geschmack des Backfischalters verrieten, hatte sie manchen [pg 241]Brief an Leo geschrieben, und in der Schublade rechts – den Schlüssel dazu trug sie stets bei sich – lagen seine Briefe.
Mechanisch griff sie jetzt nach dem Schlüssel, zögernd steckte sie ihn ins Schloß und zog den Kasten auf. Da lagen die Briefe, wohlgeordnet, wie sie dieselben erhalten hatte. Sie nahm den obersten heraus, eine trockene Rose fiel ihr entgegen, – es war sein letzter Brief gewesen. Sie entfaltete ihn, und der Anblick der geliebten, so lange entbehrten Handschrift stimmte sie unendlich weich. Sie begann zu lesen, Seite für Seite, und als sie damit fertig war, nahm sie einen zweiten Brief heraus, dann wieder einen, immer mehr, immer tiefer versenkte sie sich in die teuren Schriftzüge.
Einmal mußte sie laut lachen über eine witzige Schilderung, und dann wieder erglänzte ein seliger Ausdruck in ihren Augen. Die zärtlichen Liebesworte, welche sie jetzt las, war sie derselben auch wert? Hatte sie nicht um einer Nichtigkeit willen an der Liebe eines edlen, treuen Mannes gezweifelt und das Vertrauen zu ihm verloren? O, es war entsetzlich, sich nun mit solchen Vorwürfen quälen zu müssen, die ihr keine Ruhe ließen. Warum hatte sie ihr Unrecht nicht gleich empfunden, warum ihm erst noch solchen Schmerz bereiten müssen? Geschah ihr nicht recht, wenn er sie jetzt nicht mehr liebte, wenn er ihr nicht verzieh?