Erregt sprang Ilse auf. Die nächtliche Stille wurde ihr auf einmal unheimlich, so allein, so verlassen zu sein mit dem mahnenden Gewissen, das ihr ihre Schuld immer wieder unbarmherzig vorhielt, war unerträglich. Wenn sie Leo jetzt schriebe? Sie ergriff diese Idee wie eine Rettung und gab sich sofort daran. Aber sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und die Feder zitterte in ihrer Hand. Schließlich zerriß sie den angefangenen Brief.
Wenn nur erst die Nacht vorbei wäre! Was sollte sie [pg 242]nur beginnen bis zum Morgen? Jetzt war es erst wenig über zwölf Uhr, sie mußte also noch lange warten, bis der heiß ersehnte Tag erschien. Sie nahm ein Buch und fing an zu lesen, aber die Buchstaben flimmerten ihr vor den Augen, und sie hatte im nächsten Augenblick das Gelesene schon wieder vergessen. Gab es denn kein Mittel, ihren unruhigen Geist zu beschwichtigen, ihren Gedankenlauf zu hemmen? Nochmals nahm sie zur Feder ihre Zuflucht und schrieb an Nellie, der sie alles erzählte, was sie in diesen stillen Stunden dachte und empfand. Das erleichterte ihr stürmisch pochendes Herz, und als sie mit Schreiben aufhörte, war sie ruhig geworden, eine wohltuende Müdigkeit Überkam sie endlich. Sie begab sich zur Ruhe und bald umgaukelten sie rosige Träume.
Erquickt wachte sie am andern Morgen auf, und die Ungeduld ließ sie keine Minute länger im Bett. Draußen lag noch graue Dämmerung, als Ilse, nachdem sie sich angekleidet hatte, die Gardinen zurückzog und in den beschneiten Garten hinunterschaute, der sich bis zu dem unmittelbar daran stoßenden Walde hinzog und nur durch eine eiserne Pforte von diesem getrennt war. So still und friedlich lag die Natur in ihrem Winterschlaf da, so verzaubert und schweigsam, nichts erinnerte mehr an die Zeit, als sie üppiges Leben war, die grünen Wipfel geheimnisvoll rauschten, Blumen und Blüten ihre Düfte aushauchten und melodische Vogelstimmen diese Herrlichkeit jubelnd besangen. Da war es schön im Walde gewesen, und ein junges, glückliches Menschenpaar war oft mit Büchern und Hängematte nach dem verborgensten, lauschigsten Fleckchen hinausgewandert, wo sich unter ihren Füßen ein samtweicher Moosteppich ausbreitete und die leise schaukelnden Zweige der alten Buchen ihnen Kühlung zufächelten. Dort befestigte der junge Mann die Hängematte, und wenn seine Begleiterin es sich darin bequem gemacht hatte, dann legte er sich in das schwellende [pg 243]Moos, und den beiden verflogen unter Plaudern und Lesen die Stunden wie Minuten. Niemand störte sie in der Einsamkeit, die breiten Äste über ihnen spendeten herrlichen Schatten, und das Auge erlabte sich an dem köstlichen Grün.
Versunken in diese Erinnerung starrte Ilse hinaus, bis der Anblick des hohen Schnees, der jetzt auf den Zweigen lastete, sie in die Wirklichkeit zurückführte. Es kam ihr vor, als wäre es eine andre gewesen, welche dort mit Leo so glücklich war, als hätte sie selbst dies nie erlebt. Ob solche Erinnerungen wohl auch an seinem Geist vorüberzogen, oder ob er die Vergangenheit aus seinem Gedächtnis verbannt hatte? Jeder Platz, jeder Baum hier mahnte sie an die frohen Stunden, die sie mit ihm verlebt hatte. Bei dem Gedanken, daß eine solche Zeit vielleicht niemals wiederkäme, daß sie fortan nur von diesen Erinnerungen zehren müßte, fühlte sie ihr Blut in den Adern erstarren.
Sie trat vom Fenster zurück und ging rastlos im Zimmer auf und ab. Diese Angst, diese Zweifel konnte sie nicht länger ertragen und sie beschloß deshalb, heute morgen sofort mit den Eltern zu sprechen. War das nicht ihre Pflicht und würden sie, welche ihr nur Liebe und Güte entgegenbrachten, ihr nicht ratend und helfend zur Seite stehen?
Klopfenden Herzens verließ sie ihr Zimmer. Als sie an der Kinderstube vorbeikam, hörte sie das Brüderchen laut jauchzen. Der Kleine lag noch im Bettchen, als sie hereinkam, und strampelte mit den dicken Beinchen in der Luft. Sie küßte und liebkoste das Kind; wie lange hatte sie mit dem lieben Schelm nicht mehr gespielt! Jetzt verstand er es schon, wenn sie mit ihm scherzte, und sein herzliches Lachen versetzte sie in Entzücken. Als Frau Anne hereintrat, war sie nicht wenig erstaunt, Ilse schon vollständig angekleidet zu finden.
„Du bist schon auf, Ilse?“ fragte sie verwundert, mit einem herzlichen Kuß. „Eben schlich ich auf den Fußspitzen [pg 244]nach deinem Schlafzimmer, um zu horchen, und da alles mäuschenstill war, dachte ich, du lägst noch im tiefsten Schlummer und wollte dich nicht stören.“
Ilse umarmte sie stürmisch.
„Wie reizend und drollig ist das Kind geworden,“ rief sie begeistert und einer plötzlichen Eingebung folgend fügte sie hinzu: „Ach, liebste Mama, wie glücklich macht es mich, daß ich wieder bei euch bin!“