Frau Anne strich ihr zärtlich über das Haar, und in ihren Augen funkelte es froh und siegesgewiß. Sie zog Ilses Arm durch den ihrigen.
„Nun komm! Papa wird sich freuen, daß du schon auf bist, er wartet mit großer Ungeduld auf dich.“
Bald saßen die drei am gemütlichen Kaffeetisch. Herr Macket verwandte kein Auge von seinem Liebling, der nun wieder leibhaftig vor ihm saß, den er so sehr entbehrt und oft herbeigesehnt hatte. Ihn erfüllte ganz der eine Gedanke: sie ist wieder da! Deshalb machte er sich auch keine Sorgen, was nun weiter werden und wie das Verhältnis zu Leo sich gestalten würde. In seiner unbefangenen Freude [pg 245]merkte er denn auch nicht, daß sich in Ilses ganzem Wesen eine gewisse Aufgeregtheit zeigte, und daß ihre Augen einen ängstlich fragenden Ausdruck hatten.
Frau Anne aber beobachtete desto schärfer, ihr entging von alledem nichts, und sie bemerkte auch, daß ihr Töchterchen jetzt einen harten Kampf in seinem Innern zu bestehen hatte. Sie war deshalb so zuvorkommend und liebevoll wie nur möglich, um ihr den so schweren Anfang zu erleichtern.
Ilse aß und trank mit großer Hast zur lebhaften Freude des arglosen Vaters, dem ihr anscheinend so gesunder Appetit sehr gefiel. Eigenhändig belegte er die Brötchen, und lächelnd sah ihm Frau Anne zu, – sie wußte genau, warum das Kind so eifrig dem Essen zusprach.
Schon einige Male hatte Ilse die Lippen zum Reden geöffnet, und doch konnte sie sich immer noch nicht dazu entschließen. Krampfhaft drehte sie kleine Brotkügelchen zwischen ihren Fingern, – mein Gott, war es denn so schwer, das auszusprechen, was ihr doch wie Feuer auf der Seele brannte? Herr Macket war inzwischen aufgestanden und hatte sich in aller Gemütlichkeit eine Zigarre angesteckt, nun trat er zu ihr und legte zärtlich den Arm um ihren Nacken.
„Kind,“ sagte er so recht aus tiefstem Herzensgrunde froh, „es ist gut, daß du wieder da bist.“ Und als sie aufblickend in die teuren Vateraugen sah, da sprang sie empor und fiel ihm um den Hals.
„Liebe, einzige Eltern,“ dabei reichte sie Frau Anne die Hand, „verzeiht mir, seid nicht mehr böse, ich will ja alles wieder gut machen. Ich habe kindisch gehandelt, als ich davonlief, ich weiß es wohl, er hatte ja recht, ich bin im Unrecht, ach wüßte ich doch, ob er mich noch liebt, ob er mir verzeiht!“
Sie hatte in fliegender Hast gesprochen, nun hielt sie [pg 246]mit einem riefen Atemzug inne, und es war, als wäre eine Zentnerlast von ihrem Herzen genommen. Herr Macket war bei den Selbstanklagen seines Lieblings ganz ängstlich geworden; er hatte sie einigemale unterbrechen wollen mit dem Ausruf: „Aber Kind, liebes Kind, wir sind dir doch nicht böse, sage doch so etwas nicht.“ Fast erschrocken blickte er sie an. Frau Anne aber zog sie gerührt an ihre Brust und streichelte ihre heißen Wangen. Tränenfeucht glänzten ihre Augen, und mit einem triumphierenden Ausdruck sah sie ihren Mann an, denn dieser hatte es immer bestritten, wenn sie behauptete, daß Ilse eines Tages zum Bewußtsein kommen und zu ihrem Bräutigam zurückkehren würde.
„Nein, das wird sie nicht tun, ich kenne das Mädchen,“ hatte er dann geantwortet, „sie ist viel zu stolz dazu.“