Frau Anne schwieg dann lächelnd, sie wußte ja viel besser, daß die Liebe über den Stolz siegen würde. Und sie hatte recht gehabt, sie hatte die Seele der jungen, trotzigen Braut besser durchschaut, als der in blinder Liebe befangene Vater. Jetzt, als sie Ilse fest in ihren Armen hielt und das heftig pochende Herz fühlte, war sie sicher, daß sie diesmal für immer geheilt und bekehrt zurückgekommen war, daß der Kampf, den Ilse in den letzten Monaten überstanden, in ihr die ernste Liebe des Weibes gereift hatte.
Nun war das Eis gebrochen, mit einem Male wurde es Ilse so leicht, von Leo, von ihrer Flucht zu reden, traf sie doch nicht der geringste Tadel von seiten der Eltern; im Gegenteil, wenn sie sich ausschalt und Vorwürfe machte, dann beruhigte die Mama, tröstete mit den zärtlichsten Worten der Papa. Alles, alles beichtete sie, nur den Streit mit Leo ließ sie unberührt und beteuerte nur immer wieder, daß sie im Unrecht sei, und daß sie ganz wie ein unvernünftiges Kind gehandelt habe.
Frau Anne hörte ihr voller Befriedigung zu, und in [pg 247]ihrem Innern dankte sie Nellie inbrünstig, indem sie deren gutem Einfluß den größten Teil dieser Umwandlung zuschrieb. Noch an demselben Tage gab sie diesen Gefühlen in einem langen Dankesbriefe an die junge Frau Ausdruck.
Herr Mackets Groll gegen Leo, den er bis jetzt nicht hatte überwinden können, schwand immer mehr, und er mußte nun doch einsehen, daß nur die Widerspenstigkeit seines Töchterchens an diesem Zerwürfnis schuld war.
„Und nun will ich gleich an Leo schreiben,“ sagte Ilse, sich erhebend, „und ihn bitten, daß er morgen kommt, daß wir ein vergnügtes Weihnachtsfest zusammen feiern können.“
Aber schon nach kurzer Zeit kehrte sie unverrichteter Sache zurück.
„Ich kann nicht schreiben, Mama,“ klagte sie, „es ist mir nicht möglich. Was ich ihm zu sagen habe, das muß mündlich geschehen. Was soll ich denn nur tun, ich weiß es ja nicht; ach Gott, so rate mir doch, liebste Mama.“
Frau Anne schwieg und tat, als überhörte sie die Frage; das Kind sollte von selbst den richtigen Weg einschlagen.
Sinnend und etwas ungeduldig blickte Ilse vor sich hin.
„Mama,“ begann sie wieder, „wissen denn Leos Eltern, was zwischen uns vorgefallen ist?“ Sie seufzte bei dieser Frage, denn der Gedanke, daß sie auch ihnen eine Aufklärung geben müßte, war ihr höchst peinlich.