„Beruhige dich, Ilse,“ tröstete sie Frau Anne, „Gontraus wissen nichts. Leo hat ihnen keinesfalls etwas verraten, und ich habe – oft allerdings durch recht diplomatische Künste – mich bemüht, alles zu verheimlichen. Da sie ganz ahnungslos sind, so werden sie auch nichts bemerkt haben. Wegen deiner angeblichen Schreibfaulheit mußt du dich aber gründlich bei ihnen entschuldigen, denn sie klagten öfters darüber, daß sie noch gar keinen Brief von dir [pg 248]hätten. Ich habe dein Schweigen, so gut es ging, beschönigt.“
„Du liebe, einzig gute Mama!“ unterbrach sie hier Ilse, der bei diesen Worten ein Stein vom Herzen fiel, indem sie Frau Anne mit beiden Armen umschlang, „ich verdiene deine Güte ja gar nicht. Warum muß denn auch gerade ich einen so unglückseligen Charakter besitzen? Wie schwer habe ich schon darunter leiden müssen, wie viele bittere Stunden habe ich andern dadurch bereitet! Siehst du ich bin wütend auf mich, ich weiß genau, was für ein stöckisches Wesen ich bin, und darum wird mich Leo auch nicht mehr lieb haben, ganz gewiß nicht.“
Bei diesem leidenschaftlichen Ausbruch stürzten ihr die hellen Tränen aus den Augen.
„Ilse,“ sagte Frau Anne sanft aber bestimmt, „ich dachte, du wärest ein vernünftiges Kind geworden, und nun kommt doch wieder das tolle Köpfchen zum Vorschein.“
„Ach, Mama, kein Mensch weiß, welche Vorwürfe mich gequält haben, und wie ich bereue, was ich getan. Leo glaubt das gewiß nicht, und wenn ich es ihm auch sage, wird er sich nicht überzeugen lassen.“
„Ilse, Ilse,“ erwiderte Frau Anne kopfschüttelnd, „so darfst du nicht sprechen. Ich weiß, wie tief Leo unter den jetzigen Verhältnissen leidet. Wenn er dich nicht wahrhaft liebte, würde er gleichgültiger sein.“
„Hat er mit dir über mich gesprochen, hat er dir alles erzählt?“ fragte Ilse dringlich. „Hat er sich über mich beklagt?“
„Er hat mir nicht mehr gesagt, als unumgänglich notwendig war, und nicht das kleinste Wort des Tadels oder der Klage ist über seine Lippen gekommen. Ilse, kennst du ihn denn so wenig, daß du so etwas von ihm zu glauben vermagst?“
Das junge Mädchen senkte beschämt das Haupt. Nein, [pg 249]sie hatte eine bessere Meinung von ihm und wußte selbst nicht, warum sie so sprach.
„Ich habe den guten Gontraus auf ihren letzten Brief noch nicht geantwortet,“ fuhr Frau Macket fort, „sie fragten darin an, ob du zu Weihnachten bestimmt zurückkämst, dann würden wir doch das Fest natürlich zusammen feiern. Ich war etwas in Verlegenheit, was ich darauf erwidern sollte, und habe deshalb bis jetzt geschwiegen, heute muß ich ihnen aber schreiben, Ilse, – was soll ich ihnen für eine Antwort geben?“