„Mama,“ sagte Ilse plötzlich, nachdem sie eine Weile gedankenvoll vor sich hingeblickt hatte, „ich habe eine Idee; ja, so geht es – so muß es gehen. Ich schreibe an Leos Eltern, daß ich morgen früh mit euch käme, aber sie sollten ihm davon nichts sagen, weil ich ihn überraschen wollte.“
Gott sei Dank, nun war ein Ausweg gefunden! Ihre Augen leuchteten vor Freude über den glücklichen Einfall, und sie war Feuer und Flamme.
„Herzensmama, so wird es gemacht, nicht wahr?“ schmeichelte sie, „und dann fahren wir morgen gleich nach Tisch alle hierher zurück, und es wird hier beschert. Ich will sofort schreiben.“
Dem Papa brauchte sie ihren Plan gar nicht erst mitzuteilen, er war doch mit allem einverstanden, was sein Liebling tat. Der Brief wurde denn auch sofort geschrieben und unverzüglich nach dem Bahnhof gebracht, damit er noch heute an seine Adresse gelangte.
Ilse war wie umgewandelt, die Ungeduld jagte sie rastlos von einem Ort zum andern. Es gab ja auch noch so viel zu tun für den folgenden Tag, und mit einem wahren Feuereifer stürzte sie sich in die Arbeit.
Im großen Gartensaale stand die mächtige Tanne, welche sie schmücken sollte. Die breiten Äste waren schon dicht mit Watte belegt, auch Gold- und Silberfäden waren [pg 250]darüber gezogen. Herr Macket, der keinen Augenblick von Ilses Seite wich, war dabei, die Wachslichter zu befestigen. Wie heller Freudenschein lag es über seinem Gesicht, als er sie so froh und geschäftig sah, und verstohlen blickte er sie immer an. Das war wieder seine alte Ilse, sein lieber, ausgelassener Wildfang, welchem Übermut und Frohsinn aus den Augen blitzten.
Ilse hatte nicht genug an dem duftenden Grün des Tannenbaumes, den ganzen Saal wollte sie mit Tannenzweigen und Blattpflanzen geschmückt haben; die letzteren mußte ihr der Gärtner aus dem Gewächshaus bringen. Die Ecken sollten Lauben bilden, während an den Wänden Guirlanden aus Tannenzweigen befestigt wurden.
Als sie endlich fertig war, betrachtete sie ihr Werk mit prüfenden Augen und ordnete noch hier und da etwas an; es war ihr immer noch nicht schön genug, schmückte sie doch den Raum so festlich für ihn! Das beseligte sie, und ihr Herz klopfte stürmisch bei dem Gedanken, daß sie morgen mit ihm an dieser Stelle stehen würde, und daß dann alle Zweifel und Qualen ein Ende haben sollten. Wie sehnte sie sich nach voller, reiner Harmonie, wie lange, lange hatte sie diese entbehren müssen!
Der weihnachtliche Schmuck des Saales war vollendet und das ganze Haus erfüllt von dem feinen, harzigen Geruch der Tannennadeln, hatte doch Herr Macket in seiner Herzensfreude noch mehrere Bäume bringen und in dem Treppenhaus aufstellen lassen. „Es soll recht weihnachtlich sein,“ sagte er, und war dabei so heiterer Laune, wie ihn seine Frau lange nicht gesehen hatte.
Ilse schlief diese Nacht wenig, sie war zu aufgeregt dazu. Pünktlich um acht Uhr stand am andern Morgen der Schlitten vor der Türe, und ungeduldig stampften die Braunen den Boden. Frau Anne erklärte, zu Hause bleiben zu wollen, da es, wie sie sagte, noch viel zu tun und an[pg 251]zuordnen gab. Ilse hätte freilich sehr gern gehabt, wenn sie mitgefahren wäre, denn an dem ruhigen, sicheren Wesen der Mama würde ihr erregtes Herz einen festen Rückhalt gehabt haben. Wer sollte ihr Mut machen, wenn sie wieder zaghaft würde! Aber – war denn das nötig, mußte sie zu dem Schritt erst ermutigt werden, den sie doch mit freudigem Herzen tat? Nein, nein!