Energisch drängte sie jeden solchen Gedanken zurück, und mit klaren, strahlenden Augen nickte sie Frau Anne zu, welche in der Pforte stehen geblieben war, um dem Schlitten nachzusehen. Wie lieb und gut hatte sie Ilse zum Abschied in die Arme geschlossen! Die zärtlichen Worte: „Nun sei mein verständiges Mädchen und zage nicht,“ welche sie ihr dabei zuflüsterte, klangen ihr noch immer in den Ohren nach. Frisch und rosig saß sie an der Seite ihres Vaters, der alle Augenblicke fragte, ob sie es auch nicht fröre, und immer wieder die Decke, welche er über sie gebreitet hatte, fester und höher hinaufzog.

Sie wehrte ihm lachend. „Aber Papachen, mir ist ja so warm, mich friert gar nicht; bald kann ich mich nicht mehr rühren, so fest hast du mich eingewickelt.“

Unter Herrn Mackets sicherer Leitung flog das leichte Gefährt mit Windeseile über die glatte Bahn, daß der Schnee links und rechts zur Seite stob. Dazu klang das lustige Schellengeläute so hell und silberrein, daß es sich wie liebliche Musik anhörte.

Ilse lehnte sich weit zurück und schloß die Augen. Klingling, klingling, schallte es immerfort in ihren Ohren, und nun schien der helle Glockenklang auf einmal eine dunklere Färbung anzunehmen, langsam und gemessen in gleichmäßigen Schwingungen zu ertönen. Was war denn das? Klang nicht so die Glocke von dem heimatlichen Kirchturm? Sie sah ihn im Geiste vor sich, das winterliche Kleid war abgestreift und statt dessen umwob ihn lichtes [pg 252]Frühlingsgrün. In den Wipfeln der alten Linden, welche vor der Kirche standen, sangen die Vögel, und Blumenduft strömte durch die geöffneten Fenster hinein. Drinnen tönte die Orgel und begleitete die hellen Stimmen der Dorfkinder. Alles war so feierlich, und da sah sie sich selbst im langen weißen Gewande an der Seite ihres Leo zur Türe hereinkommen. Um den festlich geschmückten Altar standen die Eltern, Verwandten und Freunde, und der alte Pfarrer harrte ihrer. –

Erschreckt fuhr sie auf. Welche Bilder malte ihre Phantasie da vor ihren Augen aus? Und doch kehrten ihre Gedanken immer wieder zurück zu dem rosigen Zukunftsbilde.

„Bist wohl müde, Kind,“ fragte Herr Macket, weil sie so lang stumm und mit geschlossenen Augen neben ihm gesessen hatte. „Ja, die Fahrt ist lang und angreifend, sie wird dir doch nicht zu viel werden, Mädel?“

Sorgsam prüfend schaute er ihr ins Gesicht.

„O nein, Papachen, nicht im geringsten, ich bin gar nicht müde, sondern überlegte mir nur etwas und schloß deshalb die Augen.“ Sie mochte ihm nicht eingestehen, daß sie wachend geträumt hatte.

Nachdem sie in einem Dorfe ausgespannt und eine Weile gerastet hatten, ging die Fahrt weiter.

„In einer guten Stunde sind wir da, die Pferde sind flott gelaufen,“ sagte Herr Macket und blickte mit Stolz auf seine beiden Braunen.