Ilse klopfte das Herz hörbar, und ihre von der kalten Winterluft geröteten Wangen färbten sich noch tiefer. Und mochte ihr auch vor dem Augenblick des Wiedersehens bangen, so erfaßte sie dennoch eine unsagbare Ungeduld bei dem Gedanken, daß sie nur noch eine kurze Spanne Zeit, nur noch Minuten von ihm trennten.
Die weiten Schneeflächen kamen ihr endlos vor, und [pg 253]sie hätte sich Flügel wünschen mögen, um schneller in seine Arme zu eilen. Während sie bis jetzt ihren Träumen nachgehangen hatte, wurde sie auf einmal lebhaft und gesprächig, scherzte und neckte sich mit ihrem Vater, daß oft sein herzliches Lachen durch die winterliche Ruhe schallte, und seine blauen Augen unter den buschigen Brauen vor Freude und Lust strahlten.
So verflog ihr die Zeit rascher, und sie konnte die innere Unruhe besser bemeistern. Endlich sah sie ganz in der Ferne, noch undeutlich und kaum zu erkennen, die Kirchturmspitze von L. Wie ein freudiger Schreck durchfuhr es ihre Glieder.
„Papa, sieh nur dort, gleich sind wir da!“ rief sie, indem sie ihn am Arm faßte und mit dem Finger auf den fernen Kirchturm zeigte.
Er kniff die Augen zusammen und blickte nach der angegebenen Richtung, dann legte er die Hand über die Augen und beugte den Kopf nach vorn.
„Ich sehe noch nichts,“ sagte er schließlich.
„Aber Papa, dort, siehst du denn nicht?“ Sie war aufgestanden und starrte entzückt in die Ferne, als hätte sich ein Wunder vor ihren Blicken aufgetan.
Er schüttelte den Kopf.
„Ich sehe nichts, Ilse, du hast eben wahre Falkenaugen. Krischan,“ wandte er sich an den hinter ihnen sitzenden Kutscher, „siehst du den Turm von L. schon?“
„Nee, Herr, ich sehe nischt, das Freilein sieht wohl mit die Ogen der Liebe.“