Über diesen Witz grinste er mit dem ganzen breiten Gesicht, während die beiden im Schlitten in ein helles Gelächter ausbrachen.

Weiter und weiter sauste der Schlitten, und die eben noch in der Ferne verschwommenen Gegenstände tauchten immer klarer auf. Jetzt war auch der Kirchturm deutlich [pg 254]sichtbar, und die beschneiten Dächer zeichneten sich scharf vom blauen Himmel ab. Bald darauf fuhren sie in das Dorf ein, aber bei einem der ersten Häuser machten sie Halt. Eine dicke goldene Traube, an einem weit vorragenden eisernen Arm befestigt, bezeichnete dasselbe als Gasthaus. Ilse hatte den Schleier dicht über das Gesicht gezogen, und Herr Macket mußte den breiten Pelzkragen hinaufschlagen, damit sie von den neugierigen Blicken, welche dem Schlitten folgten, nicht erkannt würden. Hier sollte ausgespannt werden, so war es mit den Schwiegereltern verabredet worden. Ilse hatte ihnen geschrieben, sie möchten Leo im Hause festhalten.

Die Aufforderung ihres Vaters, sich erst etwas zu erwärmen und eine Kleinigkeit zu genießen, lehnte Ilse entschieden ab, denn so nahe dem ersehnten Ziel erschien es ihr unmöglich, noch irgendwelche Verzögerung zu ertragen. So machten sich denn die beiden auf den Weg nach dem Gute, welches abseits vom Dorfe lag und dicht an einen Tannenwald grenzte.

„Wie ein Paar Diebe kommen wir angeschlichen,“ sagte Herr Macket. „Darf ich denn den verflixten Kragen noch immer nicht herunterschlagen? Mir wird nämlich verteufelt heiß in diesem Futteral.“

„Ach bitte, bitte, noch nicht,“ bat Ilse, die unter ihrem Schleier fortwährend ängstliche Blicke nach rechts und links warf, „siehst du, Herzensväterchen, es könnte uns doch jemand begegnen, und wir sind ja gleich da.“

Herr Macket als ein gehorsamer Vater fügte sich und stöhnte nur einige Male verstohlen. Sie bogen jetzt in einen kleinen Seitenweg ein, der zwischen zwei Hecken durchführte und nicht gebahnt war, so daß sie bis über die Knöchel in den weichen Schnee einsanken.

„Hier können wir nicht weiter, Ilse, das geht nicht. Du bekommst ja ganz nasse Füße und wirst dich auf den [pg 255]Tod erkälten. Komm, wir wollen umkehren.“ Damit blieb er stehen.

Aber sein geliebter Wildfang schlug ihm ein Schnippchen und hüpfte leicht und flink wie ein Reh davon. Sie sah ja am Ausgang des Heckenweges ein großes, herrschaftliches Haus, das Gontrau’sche, und sollte nun wieder umkehren? Das war zu viel verlangt. Wohl oder übel mußte Herr Macket ihr folgen, und wenn er auch etwas unwillig in den Bart brummte, so brachte er es doch nicht über sich, auf seinen Liebling zu schelten. Mit seinen großen Stiefeln trat er in Ilses zierliche Fußstapfen; diese war ihm längst vorausgeeilt und wartete schon auf ihn an der eisernen Tür, welche den parkartigen Garten hinter dem Hause abschloß.

„Bist mir doch nicht böse, Papachen?“ fragte sie ihn mit schelmischer Zärtlichkeit, und da konnte er natürlich nicht widerstehen.

Der fürsorgliche Schwiegervater hatte Bahn fegen lassen, und auf besserem Wege als vorher schritten sie nun den Garten entlang und schlichen zu einer Hintertüre in das Haus hinein. Ilse hatte Herrn Macket untergefaßt und eiligst mit fortgezogen. Dabei hatte sie solch fieberhafte Angst ausgestanden, sie könnte von Leo gesehen werden, daß sie jetzt, nachdem diese Gefahr vorüber war, erst einen Augenblick stehen bleiben mußte, um Atem zu schöpfen.