Auf dem Hausflur kam ihnen das Gontrau’sche Ehepaar mit offenen Armen entgegen. Ilse war tief beschämt über all die Liebe und Herzlichkeit, mit welcher die Schwiegereltern sie empfingen; dieselben waren vollständig unbefangen und schienen nicht im geringsten zu ahnen, welcher Zwiespalt zwischen dem Brautpaar herrschte. Sie führten ihren Besuch in ein behaglich erwärmtes Zimmer, und während Herr Gontrau Ilses Vater Pelz und Hut abnahm, half seine Frau dem Schwiegertöchterchen beim Ablegen und [pg 256]blickte mit Stolz in das junge frische Gesicht mit den lebhaften braunen Augen. Zärtlich strich sie ihr die wirren Haare aus der Stirn und streichelte ihr die Wangen. Auch Herr Gontrau betrachtete sich die Braut seines Sohnes mit großem Wohlgefallen.
„Ilse, ich glaube, du bist noch gewachsen,“ sagte er, indem er sie an sich zog, „und wie wohl du aussiehst, du blühst ja wie eine Rose. Na, der Leo wird sich freuen, er hat keine Ahnung von der Überraschung, die ihm bevorsteht.“
„Ach ja,“ meinte Frau Gontrau, „ich freue mich auch, der arme Junge hat in der letzten Zeit so viel zu tun gehabt, daß er ganz ernst und blaß geworden ist.“
Ilse errötete und wandte sich ab.
„Wo ist Leo?“ fragte sie leise. „Ich möchte ihn doch gern gleich sehen.“
„Er ist oben auf seinem Zimmer, liebes Kind,“ sagte Frau Gontrau. „Nun, du weißt ja Bescheid; ich war eben noch bei ihm, um zu verhüten, daß er sich entfernte.“
„Ich gehe zu ihm,“ sagte Ilse und verließ das Zimmer.
Als sie die Treppe hinaufgeeilt war und nun vor seiner Türe stand, hielt sie inne und legte die Hand beschwichtigend auf ihr Herz, das ihr zum Zerspringen klopfte. Nun war der Augenblick gekommen, ihm die Hand zur Versöhnung zu reichen. Ein Gefühl der Demütigung wollte noch einmal in ihr aufwallen, aber sie unterdrückte es, denn sie hatte sich vorgenommen, oft und fest vorgenommen, ihm mit keinem andern Gedanken, als dem der aufrichtigsten Reue entgegenzutreten.
Und als sie immer noch zögerte, erschien ihr Lucies Bild vor den Augen und blickte sie flehend an. Sie legte die Hand auf die Klinke, drückte sie sanft nieder und befand sich nun in einem kleinen Vorraum, welcher nur durch eine Portiere von Leos Zimmer getrennt war. Auf den [pg 257]Fußspitzen schlich Ilse näher, schob den Vorhang auseinander und konnte nun das ganze Zimmer übersehen.