Dort saß er an seinem Schreibtisch, tief über seine Arbeit gebeugt und eifrig schreibend. Sie blieb unbeweglich stehen, wie um sich zu sammeln, und sah unverwandt auf die geliebte Gestalt vor ihr. Wenn er wüßte, wer so dicht hinter ihm stand! Sie meinte, er müßte ihre Nähe fühlen, aber ahnungslos schrieb er weiter. Als er jetzt den Kopf zur Seite wandte, um in einem Buche nachzuschlagen, konnte sie sein Gesicht sehen, und – täuschte sie sich, oder war es [pg 258]wirklich so? – er schien ihr um Jahre gealtert. Seine Wangen waren blaß, die Augen hatten tiefe Schatten, und um seinen Mund lagerte ein müder, schmerzlicher Zug.

So sah sie nun ihren Leo wieder, den sie nur kraftvoll und frisch gekannt hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie mußte an sich halten, um nicht laut aufzuschluchzen. Jetzt lehnte er sich im Stuhl zurück, und sie konnte ihr Bild bemerken, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand; ein grüner Tannenzweig schmückte dasselbe. Leise, wie magnetisch angezogen, schlich sie näher. Jetzt nahm er das Bild in die Hand und betrachtete es mit liebevollen Blicken. Den kleinen Zweig, der ihr Gesicht etwas verdeckte, schob er zurück, damit er ungehindert in das geliebte Antlitz schauen konnte. Er dachte ihrer also noch mit tiefer, unwandelbarer Liebe. Ohne daß sie es wollte, tönte sein Name halblaut von ihren Lippen. Das Bild entfiel seiner Hand, mit einem jähen Ruck stieß er den Stuhl zurück und drehte sich um. Als sähe er einen Geist vor sich, so starrten die dunklen Augen in dem blassen Gesicht auf Ilse. Sie trat näher und rief noch einmal: „Leo.“

Da löste sich der Bann, der ihn befangen hatte.

„Ilse, du – du, bist du es wirklich?“ stieß er hervor, und als sie die Arme nach ihm ausbreitete, zog er sie fest an sich und drückte ihren Kopf mit beiden Händen an sein Herz.

„Vergib mir, Leo!“ flüsterte sie unter Tränen.

Statt aller Antwort schloß er ihr den Mund mit leidenschaftlichen Küssen, gab ihr die zärtlichsten Schmeichelnamen. Und diesem Manne hatte sie Mißtrauen entgegengebracht, an seiner Liebe hatte sie gezweifelt! In törichtem Trotz hatte sie das beste, edelste Herz verkannt. Der Gedanke, daß er sich hätte von ihr wenden können, erfüllte sie jetzt noch mit Schrecken.

Fester schmiegte sie sich an den Geliebten. Sie waren beide nicht fähig, zu sprechen, stumm hielten sie sich umschlungen und besiegelten innerlich von neuem den geschlossenen Bund. Sie hatten das Gefühl, daß sie jetzt für immer zusammengehörten, daß nichts sie je wieder trennen könnte. Es war Ilse, als träumte sie, und sie dürfte sich nicht rühren, um den schönen Traum nicht zu verscheuchen.

Und als sie dann endlich Worte fanden und Hand in Hand zusammensaßen, da konnten sie kein Ende finden, bis schließlich Frau Gontrau kam und schüchtern fragte, ob das liebe Brautpaar noch nicht bald erscheinen wolle.

* * *

Der im hellsten Lichte strahlende Tannenbaum beschien am heiligen Abend im Macketschen Hause lauter frohe, vergnügte Gesichter. Es ging ein Knistern durch die Zweige und die Wachskerzen flackerten so lustig, wie wenn der Baum selbst damit auch seiner Freude Ausdruck geben wollte.