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Mit duftenden Rosen war der Weg zur Kirche bestreut, den Ilse jetzt im bräutlichen Gewande am Arm ihres Leo dahinschritt. Wolkenlos wölbte sich der Junihimmel über ihnen, und goldner Sonnenglanz lag über der strahlenden Natur ausgebreitet. Das ganze Dorf war zusammengelaufen, um sein geliebtes Gutskind im Brautschmuck zu sehen; sie standen zu beiden Seiten des Weges, und als das Brautpaar in der Kirchentüre verschwunden war, da strömten sie hinterher, und die kleine Kirche war im Umsehen gefüllt.

Ilses Traum war zur Wirklichkeit geworden, nun sollte sie binnen wenigen Minuten am Altar des Herrn dem geliebten Mann für ewig Liebe und Treue schwören.

Durch die offenen Fenster lugte neugierig der helle Sonnenschein, das leise Rauschen der Bäume und der fröhliche Vogelgesang drangen herein, gerade so, wie sie es Weihnachten im Schlitten geträumt hatte. Und jetzt erscholl die Orgel, und die Kinderstimmen setzten ein.

Ilse schmiegte sich dichter an Leo, und mit gesenkten Augen schritt sie neben ihm dem Altar zu, der mit Pflanzen und Blumen festlich geschmückt war. Da standen die Eltern, die Freunde und Verwandten. Orlas schönes Antlitz lachte ihr entgegen, Andres neigte grüßend das Haupt, und Nellie, die liebe, einzige, blickte wie verklärt zu ihr herüber. Der Papa streckte ihr gerührt seine Hand entgegen, und Frau Anne lächelte ihr unter Tränen zu. So viel Liebe, so viel Freundschaft sah sie in allen Augen leuchten, daß sie in überwallender Seligkeit zu dem Manne aufsah, welchem sie nun angehörte für alle Zeit.

Die Orgel und der Gesang verstummten. „Die Liebe höret nimmer auf,“ so begann der alte würdige Pastor seine Rede. Er hatte Ilse getauft und konfirmiert, nun stand sie als junge Frau vor ihm, und er sollte ihr seinen Segen geben. Das lebhafteste Interesse, die herrlichste Freundschaft, gaben ihm warme, tief empfundene Worte ein, [pg 262]seine Rede war poetisch durchflochten mit den anmutigsten Wendungen.

Herr Macket mußte sich einige Male verstohlen über die Augen fahren; Frau Anne hatte ihre Hand in die seine gelegt, auch sie war tief bewegt. Die Sturm- und Drangperiode des jungen Paares zog noch einmal an ihrem Geiste vorüber, und erleichtert holte sie Atem, daß sie glücklich überwunden war und die beiden zusammen dort am Altar standen. Eben fiel ein breiter Sonnenstrahl schräg durch das Fenster über die einfach weiß getünchte Wand, gerade auf das frische Myrtengrün in Ilses lockigem Haar und beleuchtete den weißen Schleier, der lang bis auf die kostbare Atlasschleppe herabfiel, daß er wie aus Duft gewoben erschien. Wie liebreizend sah die junge Braut aus! Voll Stolz und Glück blickte Frau Anne auf das schöne Paar, und der Gedanke, daß heute die geliebte Tochter für immer aus dem Elternhaus schied, war der einzige Wermutstropfen in dem Kelch der Freude. –

In lustigster Stimmung, scherzend und lachend saßen die Hochzeitsgäste noch an der geschmückten Tafel, als Ilse sich bereits fortgeschlichen hatte, um das Brautgewand mit dem Reisekleid zu vertauschen. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen am offenen Fenster, und ihre Blicke schweiften über den blühenden Garten, die grünen Felder und den noch frühlingsfrischen Wald, bis zu den fernen Hügeln, welche die scheidende Sonne vergoldete. Die abendliche Stille in der Natur nach den vielen Aufregungen des Tages tat ihr so wohl! Sie lehnte sich weit hinaus und sog in vollen Zügen die erquickende Luft ein.

Das unbeschreibliche Gefühl der Seligkeit, des höchsten Glückes, welches ihr den heutigen Tag zu dem schönsten ihres Lebens machte, mußte jetzt vor dem Gedanken an den Abschied zurückweichen. Sie wußte ja, wie schwer dem Papa die Trennung falle, wie sich Frau Anne nach ihr [pg 263]sehnen würde. Mehrmals mußte sie das Tuch an die Augen führen, um die hervorquellenden Tränen zu trocknen. Aber Leo sollte sie so nicht sehen, sie war ja glücklich und folgte ihm gern. Das ernste, heilige Gefühl, daß sie nun sein Weib sei, und, wie der gute alte Pastor gesagt hatte, „nur der Tod sie schiede“, durchschauerte sie, die edelsten, besten Vorsätze und Empfindungen gab ihr diese stille Stunde ein.

Zwei Arme umschlangen sie plötzlich, und sich umwendend sah sie in das Antlitz ihres Mannes. Er hob ihr Kinn in die Höhe, und als er Tränen in ihren Augen schimmern sah, zog er sie fester an sich und strich ihr liebkosend über Haar und Wangen. Er war selbst so bewegt, daß er nicht sprechen konnte, aber die innige Umarmung, in der er sein junges Weib festhielt, sagte ihr mehr als Worte es vermocht hätten.