„Wir müssen fort mein Lieb,“ brach Leo endlich das Schweigen, denn der Wagen war vorgefahren und die Braunen stampften ungeduldig die Erde. Jetzt drang auch Gläserklingen und Stimmengewirr zu ihnen herauf, und die Musik fiel mit einem lauten Tusch ein. Gewiß feierte man nochmals das junge Paar und trank auf sein Wohl.
Frau Anne kam leise herein und brachte Ilses Hut und Staubmantel.
„Es ist alles fertig,“ sagte sie, „ihr müßt fort Kinder. Ich will es dem Papa sagen, nicht wahr?“
Sie sprach anscheinend ruhig, aber ein leises Zittern in ihrer Stimme verriet doch ihre innere Erregung. Sie wollte hinausgehen, doch Ilse, hielt sie zurück und umschlang ihren Hals.
„Liebe, einzige Mama, habe für alles, alles Dank, und wenn ich dich oft kränkte, verzeihe mir.“
„Aber liebes Kind,“ fiel Frau Anne ein, „alles ist vergessen, wir haben dich ja so lieb, du bist unsre gute Tochter. Nun darfst du dich aber nicht aufregen, du mußt verständig [pg 264]sein, denn der Papa darf dich nicht so sehen, nicht wahr, liebes Herz?“
„Komm Schatz, komm,“ drängte Leo, den ein verständnisvoller Blick von Frau Anne dazu trieb, den Abschied möglichst zu verkürzen. Sie ließ die beiden allein und ging in den Saal zurück, wo sie ihrem Mann verstohlen zuflüsterte, daß der Wagen vor der Türe stehe. Das heitere Lächeln verschwand von seinem Gesicht und er stand sofort auf.
Das Köpfchen seiner Ilse mit dem grauen Reisehut nickte ihm schon aus dem Wagenfenster zu, als er aus der Haustüre trat. Er stieg zu ihr ein und hielt sein Kind lange in den Armen. Dabei preßte er ihren Kopf fest an sein Herz, denn sie sollte die Tränen nicht sehen, die ihm über die Wangen rollten. Krischan, der in seiner neuen Livree steif und gerade auf dem Bock saß, sah mit ungeduldigen Blicken bald auf die Uhr, bald von seinem hohen Sitz herab auf den Wagenschlag, und schließlich wandte er sich an Frau Macket mit den Worten:
„Nu is es aber die höchste Zeit, sonst verfehlt das Freilein und der junge Herr am Ende den Zug.“
Er konnte sich noch nicht entschließen, von der „Frau Assessor“ zu sprechen, für ihn war Ilse noch das „Freilein“.