„Ich habe mit dem Papa gesprochen, Leo, er ist jetzt entschlossen, mit seiner Reise nach F. zu warten, bis ein erklärender Brief von Ilse eingetroffen ist.“

„So – das ist mir lieb,“ gab er zur Antwort und sah dann wieder schweigend in die Finsternis hinaus.

Auch Frau Macket schaute nachdenklich vor sich hin, als kämpfte sie mit einem Entschluß. Mehrmals öffnete sie die Lippen zum Sprechen, ohne jedoch etwas zu sagen. Nach einer Weile fing sie endlich an:

„Leo, ich will mich nicht in deine und Ilses Angelegen[pg 51]heiten drängen; darf ich dich nur das eine fragen, glaubst du dich wirklich völlig schuldlos an Ilses Flucht?“

Fast schüchtern klang diese Frage und zögernd brachte sie dieselbe hervor.

„Es ist das erstemal, daß ich ihr nicht nachgab!“ stieß er erregt heraus. „Darf sie deshalb einen so abenteuerlichen Streich ausführen, alle Rücksichten beiseite werfen und fliehen?“

„Nein, das durfte sie gewiß nicht,“ stimmte ihm Frau Anne bei, „und doch,“ fuhr sie fort, „ich habe es kommen sehen, daß sie eines Tages etwas tun würde, das uns allen großen Kummer zu bereiten imstande wäre. Ich liebe meine kleine Tochter innig, und auch sie ist mir von Herzen zugetan. Aber blind bin ich deshalb gegen ihre Schwächen und Fehler nicht, wie der Papa und – verzeihe mir – begreiflicherweise auch du. Ilse ist schon einmal gezähmt worden durch die Pension und das reizende Leben daselbst; ihre prächtigen Freundinnen hatten sie ganz und gar umgewandelt. Halb Kind noch, wurde sie Braut, sie liebt dich gewiß aufrichtig, aber die tiefe ernste Liebe des Weibes ist ihrem Kinderherzen noch fremd. Hast du wohl den richtigen Weg eingeschlagen, dir ihre Nachgiebigkeit, ihre Fügsamkeit zu erringen? Ich habe mich bemüht, in ihrem jungen Herzen zu lesen, und bin überzeugt, es wäre ihr lieber gewesen, wenn du ihr öfter entschieden entgegengetreten wärst, statt ihre Einfälle, ihre Launen reizend zu finden; denn sie ist eine stolze und doch zugleich hingebende Natur, die nur nicht zeigen will, daß sie sich auch unterzuordnen vermag, aber ebensowenig vertragen kann, daß man ihr in allem den Willen läßt. Nun, da du ihr zum erstenmal nicht nachgibst, empfindet sie das doppelt schroff und wird es als eine große Demütigung ansehen. Aber jetzt, da sie weiß, daß ihr Wille nicht immer durchgeht, wird ihre Liebe zu dir, ohne daß sie es eingesteht, gewiß erstarken. Ich hoffe, [pg 52]sie wird nach und nach zur Besinnung kommen, daß sie unrecht hatte, und wenn sie diese Krisis überstanden hat, für immer geheilt sein.“

Frau Anne hatte mit warmem herzlichen Eifer gesprochen und reichte nun ihrem Schwiegersohne die Hand, welcher diese innig umschloß. „Ich weiß,“ fuhr sie fort, „du wirst das, was ich dir eben sagte, nicht falsch verstehen. Ich hätte dir meine Ansicht nicht unaufgefordert mitgeteilt, wäre nicht alles so gekommen. Wie lieb ich euch beide habe und wie vertrauensvoll ich trotz dieses Vorfalls in eure Zukunft blicke, das brauche ich dir nicht erst zu sagen, nicht wahr? – Gute Nacht, Leo,“ schloß sie und erhob sich von ihrem Sitz. „Schlafe wohl, morgen wirst du die Sache schon in einem andern Lichte ansehen.“

„Gute Nacht, Mama, ich danke dir.“

Die Nachtruhe war für alle dahin, zu sehr hatte die Bestürzung die Gemüter aufgeregt. – Leo blieb noch auf demselben Fleck sitzen, es wäre ihm unmöglich gewesen, jetzt schon zu schlafen. Noch pochte sein Herz zu unruhig, noch stürmten die Gedanken zu lebhaft auf ihn ein. Frau Annes Worte hallten in ihm nach, sie hatten einen Anklang in seinem Innern gefunden, denn sie hatte wahr gesprochen. Warum mußte es so weit kommen? Hätte er die Tragweite seiner Worte geahnt, er würde sie vielleicht nicht ausgesprochen haben. Nochmals ließ er die Szene vom Mittag an seinem Geist vorüberziehen. Er war zuletzt auch heftig geworden – gewiß –, aber er hatte sich in dem Augenblick wirklich über Ilse geärgert, zum erstenmal hatte ihn ihr unfügsames Wesen unangenehm berührt.