Was sollte nun werden? Der Gedanke an die Zukunft legte sich ihm drückend und beängstigend wie ein Bann aufs Herz, daß ihm fast der Atem stockte. Erst als er das Fenster geöffnet hatte und die kühle Nachtluft hereindrang, wurde ihm wohler. Lange blickte er in die zerrissenen [pg 53]Wolken, die eilend vorüberjagten. Ob sie jetzt auch an ihn dachte? Er sah im Geiste ihr liebes holdes Antlitz. Er hörte ihr fröhliches Lachen und ihre dunklen Augen blitzten ihn neckisch an, – da schwanden die bangen Gedanken. Heiße Liebe und Sehnsucht erfüllten ihn, und er zweifelte keinen Augenblick mehr, daß sie zu ihm zurückkehren würde. Aber unerschütterlich befestigte sich in diesem Augenblick die Überzeugung in ihm, daß er ihr diesmal nicht zuerst die Hand zur Versöhnung reichen dürfe.
Die große Lampe in dem stillen Zimmer, die schon seit einiger Zeit am Ausgehen war und deren Licht immer schwächer und kleiner wurde, erlosch jetzt nach einem letzten Aufflackern. Leo erhob sich und ging in sein Zimmer.
* * *
Ilse wachte am andern Morgen erst auf, als die Sonne das kleine Zimmer schon längst erhellte. Sie fühlte sich durch den guten Schlaf erquickt und erfrischt und war im ersten Augenblick des Erwachens noch so traumbefangen, daß sie sich erst besinnen mußte, wo sie sich eigentlich befand. Nach und nach kam ihr das Geschehene wieder deutlich zum Bewußtsein, klarer als am Tage zuvor. Ihre gestrige Aufregung war einer unangenehmen Empfindung gewichen. Reue und Beschämung beschlichen sie, und der Gedanke, was ihre Eltern zu der Flucht gesagt haben mochten, beunruhigte sie aufs höchste. Auch an Leo dachte sie, aber nicht etwa, ob er wohl betrübt sein würde, sondern voll heimlichen Triumphgefühls. Sie erschien sich ihm gegenüber als siegreiche Heldin, denn sie hatte eine Tat ausgeführt, die er ihr gewiß nicht zugetraut hatte. Womöglich langte schon heute ein um Verzeihung flehender Brief von ihm an, und gewiß würde er selbst mit dem Papa kommen, um sie zurückzuholen. So blind gefangen war unsre Ilse, so fest glaubte sie Leo durch ihre Heldentat einen [pg 54]gewaltigen Respekt eingeflößt zu haben! Die Erwartung auf eine Nachricht von Hause trieb sie aus dem Bette. Sie zog die hellgeblümten Gardinen zurück und öffnete das Fenster. Man merkte heute nichts mehr von dem gestrigen Unwetter, kein Wölkchen trübte den Himmel, der Ilse tiefblau entgegenlachte. Goldener Sonnenschein breitete sich über die kahlen Gärten und lag blendend auf den hellen Häuserwänden. Überall hatten die Leute Türen und Fenster geöffnet, daß die frische Herbstluft in vollen Strömen hereindringen konnte. So hatte Ilse gestern früh daheim auch am Fenster gestanden und sich über den klaren Herbstmorgen gefreut. Wenn sie da geahnt hätte, welches Ungemach ihr der Tag noch bringen würde! Was hatte sie durchmachen müssen! Es war zu schrecklich.
Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen, die wieder feucht wurden, aber die hervorquellenden Tränen wurden tapfer zurückgedrängt. Nellie und ihr Mann sollten nicht sehen, daß sie geweint hatte, sie würden sonst wohl [pg 55]denken, daß sie Reue fühlte, was ja so viel bedeutete, als ihr Unrecht eingestehen. Vor Doktor Althoffs prüfenden und ironischen Blicken hatte sie Furcht, sie kannte diese noch zu gut von der Schule her. Er konnte so freundlich lächeln mit spottlustigen Augen; kein Tadel, nicht die schärfste Rüge traf so sicher, als ein solcher Blick von ihm.
Durch ein Pochen an der Tür wurde sie in ihren Betrachtungen gestört, gleich darauf wurde dieselbe leise geöffnet, und Nellies Gesicht kam zum Vorschein.
„Schon wach, lieb Ilschen?“ rief sie freundlich und begrüßte die Freundin mit einem herzlichen Morgenkuß. „Wie hast du geschlafen, darling? Ich hoffe, du hast eine gute Nacht gehabt.“
„Herrlich habe ich geschlafen, liebste Nellie; was ich aber geträumt habe, weiß ich wirklich nicht mehr.“
„Kann ich dich bei dein Ankleiden helfen, Kindchen?“ fragte Nellie, als sie sah, daß Ilse sich jetzt beeilte, in ihre Kleider zu kommen. Die Toilette war bald beendet, und von den beiden hatte keine das Thema berührt, das doch am nächsten lag und sie so lebhaft beschäftigte. Erst als Ilse Arm in Arm mit Nellie vor dem Eßzimmer stand, fragte sie zögernd: „Nellie, ist dein Mann da?“