„Gewiß, Ilschen, und er freut sich riesig, sein früheres furchtbar niedliches Schülerin wieder zu sehen.“

„Hast du ihm meine Flucht eingestanden, Nellie?“ fragte Ilse ängstlich.

Die junge Frau zögerte mit der Antwort. Sie hatte gestern abend allerdings versprochen, Fred nichts davon zu sagen, aber nur um Ilse nicht weiter aufzuregen; doch jetzt wollte sie die Wahrheit nicht verschweigen – so leid es ihr tat!

„Lieb Ilschen,“ sagte sie innig, „ich konnte nicht anders, ich wollte mein Fred nichts vorlügen. Bist du mir böse?“

„Nein, nein,“ versicherte Ilse, „aber ach, Nellie, was wird dein Mann von mir denken?“

„O, Ilschen, er denkt nur Gutes von dich – aber nun komm –“

Und um Ilse über die peinliche Lage hinwegzuhelfen, öffnete sie schnell die Türe und schob die sich Sträubende hinein. Doktor Althoff kam ihr entgegen.

„Guten Morgen, Fräulein Ilse, wie freue ich mich, Sie zu sehen,“ rief er freundlich und reichte ihr die Hand zum Gruße.

Mit niedergeschlagenen Augen gab sie ihm ihre Rechte, aber kein Wort kam über ihre Lippen, und vor Verlegenheit wagte sie nicht aufzublicken. Nellie war auch hier der rettende Engel. Sie führte Ilse an den gedeckten Kaffeetisch und schob ihr einen Stuhl hin; dann schenkte sie Kaffee ein und reichte ihrem Mann und Ilse die Tassen. Ihr tat die Freundin leid, welche wortlos dasaß und krampfhaft auf das Muster der Kaffeeserviette sah, als hätte sie sich tief in das Studium der Schnörkel und Arabesken in derselben versenkt. Die Röte der Beschämung brannte noch auf ihren Wangen, und vergeblich hatte Nellie sie verschiedenemale angeredet. Jetzt warf diese ihrem Manne verständnisvolle Blicke zu, die ihm bedeuteten, er solle dieser ungemütlichen Stimmung ein Ende machen. Aber Männer sind nicht so leicht jeder Lage gewachsen, wie eine kluge Frau, und das dachte auch Nellie, als ihr Mann sie gar nicht verstand. Ja, er hatte sie sogar mit den Fragen: „Was soll ich, Kind?“ und als sie ihn mit dem Fuße anstieß: „warum stößest du mich denn?“ recht in Verlegenheit gesetzt. Sie versuchte deshalb von neuem das Schweigen zu brechen, was ihr bisher nicht gelungen war. Zum zweitenmale füllte sie jetzt Ilses Tasse und reichte ihr Zucker und Sahne. Sie wollte dabei ein Gespräch anfangen, aber ihre Scherze blieben unbeachtet und auf ihre freundlichen [pg 57]Fragen bekam sie einsilbige Antworten. Ilse vermochte die Furcht vor Doktor Althoffs ironischen Augen, die sie wie zwei Brennpunkte auf sich gerichtet wähnte, nicht zu überwinden. Sie konnte ja nicht wissen, daß sie sich täuschte, daß seine gefürchteten Blicke diesmal nicht spöttischer Art waren. Ernst und voller Mitleid sah er auf seine ehemalige Schülerin, – kannte er sie doch so genau, alle ihre Vorzüge, alle ihre Schwächen. Viel, viel muß die Kleine noch lernen, so dachte er in diesem Augenblick, und bittere Stunden wird sie das noch kosten. Nicht jeder wurde schon so frühzeitig durch eine harte Schule geläutert, wie seine Nellie sie hatte durchmachen müssen. Diese hatte ja das Leben schon als Kind unter fremde Menschen gebracht; dadurch war ihre Erfahrung gereift worden, und sie hatte gelernt, Rücksichten zu nehmen. Zärtlich blickte er zu ihr hinüber und beobachtete mit strahlenden Augen, mit welcher Anmut sie sich bewegte und wie sie verstand, einen Hauch der Behaglichkeit überall zu verbreiten. So saßen die drei wieder eine Weile schweigend am Kaffeetisch, jeder lebhaft mit seinen Gedanken beschäftigt.

„Ilschen,“ fing Nellie endlich an, „weißt du auch wohl, daß du hier eine alte Bekannte triffst, die seit weniges Monate mit ihrem Mann hierher versetzt ist? Ich hatte ganz vergessen, in meinem letzten Brief davon zu sprechen. Rate einmal, darling!“