Die Frage wirkte erlösend auf Ilses Schweigsamkeit, sie hob den Kopf und sah Nellie fragend an.

„Rate, Ilschen,“ wiederholte diese.

„Wer denn, Nellie? Etwa Rosi Müller? Die artige Pastorin ist ja aber schon seit dem Sommer hier in der Nähe verheiratet, die kannst du doch wohl nicht meinen.“

Nellie schüttelte lachend den Kopf; sie war froh, ein Thema berührt zu haben, das Ilse interessierte.

„Ein wenig muß ich dir noch foltern,“ neckte sie lustig, [pg 58]„aber du rätst ja leicht, denn nur wenige von unsre Freundinnen sind verheiratet.“

„Ach, nun weiß ich,“ rief Ilse, „natürlich Flora ist es! Ich dachte im Augenblick wirklich nicht an sie. Richtig, die ist ja auch schon eine ehrbare Ehefrau!“

„O, nix da, Ilse – ein ehrbares Frau ist unsre Dichterin nicht geworden.“

„Wie kommt sie denn eigentlich hierher?“ unterbrach Ilse, „ihr Mann lebte doch auch in B., wo Floras Eltern wohnen.“

„Laß dich erzählen, darling. Du weißt, daß Floras Mann ein Arzt ist, er ist nun als Direktor an das Spital hier berufen – eine sehr gute Stelle, mit gute Einnahmen. Er soll ein tüchtiger Mann sein, wir mögen ihn gern, er ist so nett. Nicht wahr, Fred? Und, oh, er hat ein so herzig Baby von 4 Jahr – denn Flora ist seine zweite Frau.“

„Ja,“ warf Althoff ein, „Doktor Gerber ist ein liebenswürdiger, gescheiter Mann, sein einziger Fehler ist seine Frau. Für diese poetische Seele ist er viel zu prosaisch, zu materiell! Die arme Flora ist noch ebenso überspannt wie früher, sie dichtet leider immer noch.“