„Erst will ich ihren Brief abwarten; ach, wenn er doch erst da wäre!“

Nellie nickte beistimmend und meinte, so wäre es auch wohl am besten.

„Komm, wir wollen in meine Stube gehen, darling,“ sagte sie und öffnete die Türe, die in ihr Allerheiligstes führte, das zwischen dem Eßzimmer und ihres Mannes Zimmer an der Eckwand des Hauses lag. Ein kleiner nach außen vorspringender Erker verlieh dem Raum eine anheimelnde Gemütlichkeit. Nellie hatte ihn dicht mit Blattpflanzen besetzt, [pg 61]davor zwei kleine Sessel aus Bambusrohr nebst einem ebensolchen winzigen runden Tischchen gestellt und dadurch ein lauschiges, reizendes Plaudereckchen hergerichtet. Hierhin nötigte sie jetzt Ilse, die sich rings im Zimmer umsah.

„Es ist entzückend bei dir,“ versicherte sie wieder, und trotzdem Nellie bescheiden abwehrte, freute sie sich doch über das ihr gespendete Lob.

„Fred macht es so viel Freude, wenn die Wohnung hübsch ist, da macht es mich auch Spaß,“ und dabei fuhr sie liebkosend über die spiegelblanke Platte ihres zierlichen Schreibtisches und rückte an den Figürchen und Nippes, die darauf standen.

„Die vielen reizenden Sachen, die du hast, Nellie!“

„Die schenkt mich alle mein Fred. Er ist so gut zu mir, unbeschreiblich lieb; o Ilschen, was bin ich für ein glückliches Frau. Ich denke nur immer daran, ob er mit mir auch so glücklich ist.“

Eine so dankbare uneigennützige Liebe leuchtete aus ihren Augen, daß Ilse beschämt die ihrigen zu Boden senkte; so wie die Freundin eben sprach, hatte sie noch nie gefühlt, solche Gedanken waren noch nicht in ihr aufgestiegen. Dies machte sie doch stutzig. Hatte sie eigentlich jemals eine Regung des Dankes für alle Liebe und Zärtlichkeit Leos gehabt? Nein, das war ihr nie eingefallen! Und hatte sie sich jemals geprüft, ob auch sie alles tue, ihn glücklich zu machen? Nein! gestand sie sich wieder. Jetzt tauchten zum ersten Male diese Fragen in ihr auf und regten sie zu ernstlichem Nachdenken an. „Aber Nellie ist eine schwärmerische, hingebende Natur, und das bin ich nicht und will ich auch nicht sein,“ sagte sie sich schließlich, und bei diesem Gedanken beruhigte sie sich. Und doch konnte sie die Augen der Freundin nicht vergessen und beneidete sie fast im stillen.

„Nellie,“ fragte sie plötzlich, „wann kommt denn der nächste Zug von Moosdorf hier an?“

„Warum, Ilschen? Glaubst du, deine Eltern kommen dich zu holen? Oder erwartest du deinen Bräutigam?“