„Nein, nein, das denke ich nicht, – ich fragte überhaupt nur so,“ sagte Ilse errötend.

Und doch hatte Nellie ihre Gedanken richtig erraten, denn sie erwartete, ja hoffte mit banger Sehnsucht, daß Leo den Tag nicht vergehen lassen würde, ohne zu ihr zu eilen. Gewiß hatte er jetzt eingesehen, wie unrecht er ihr tat. Aber wenn er kam, dann wollte sie ihm verzeihen, sie wollte nicht länger widerspenstig, sondern nachgiebiger sein als sonst. Das alles malte sie sich im Geiste aus und konnte doch eine Sorge, eine unbestimmte Ahnung, daß es vielleicht nicht so kommen würde, wie sie sehnlich wünschte, nicht unterdrücken.

Die folgenden Stunden waren nicht die behaglichsten für Ilse. Sie war in steter Erwartung, bei jedem Klingeln schreckte sie zusammen. Der Mittagszug war längst da. Sie hatte während dieser Zeit wie zufällig am Fenster gesessen und auf die Straße gesehen. So oft eine Gestalt in der Ferne auftauchte, schlug ihr das Herz, und immer von neuem wurde sie enttäuscht. Dann ballten sich ihre Hände fest zusammen, und sie mußte sich beherrschen, um nicht in lautes Weinen auszubrechen. Nellie und ihr Mann überließen sie sich selbst und ihrer Stimmung. Die beiden, feinfühlenden Menschen ahnten, was in ihr vorging und sie bewegte.

Ilse wurde von den selbstquälerischsten Gedanken geplagt; sie war heute so viel milder gestimmt als gestern, sie dachte an den geliebten Vater, welche Angst er wohl um sie ausgestanden, an die Mama, wie sie sich um ihr Ausbleiben beunruhigt haben mochte; an aller Sorge der lieben Eltern war sie schuld. Dies innere Geständnis machte sie sehr weich, wie die Tränen verrieten, die in hellen Tropfen auf ihre verschlungenen Hände fielen.

Der Herbsttag neigte sich bereits seinem Ende zu, die [pg 63]Dämmerung war hereingebrochen – und wieder saß Ilse am Fenster. Ihre Hoffnung, daß Leo noch kommen würde, war gesunken, und nur mechanisch sah sie noch auf die Straße hinunter. Die Gestalten, die jetzt schattenhaft vorüber huschten, verfolgte sie nicht mehr mit ungeduldig klopfendem Herzen, sie war mutlos geworden! Vor ihrer geängstigten Seele stand Lucies Bild, und wie es sie gestern zur Umkehr bewegen wollte, blickte es sie jetzt mit schmerzlichen Augen an und schien ihr zu sagen: „Er kommt nicht! Du wirst umsonst auf ihn warten.“ Ihre aufgeregten Nerven ließen ihr diese Worte fortwährend in den Ohren klingen. Auf einmal empfand sie die Schwere des unglückseligen Schrittes, den sie gewagt hatte, und die Angst legte sich gleich einem Alp auf ihr Herz. Wie eine Erlösung wirkte es daher jetzt auf sie, als zwei Arme sie zärtlich umschlangen und Nellies Köpfchen sich an ihre heiße Wange legte. Es war ihr, als würde sie aus einem häßlichen Traum aufgeweckt, und erleichtert holte sie Atem.

„Darling,“ sagte Nellie, „ich habe eine Nachricht von deine liebe Mama.“

Ilse fuhr in die Höhe.

„Wo hast du den Brief, bitte, gib ihn mir,“ flehte sie förmlich und sah suchend nach Nellies Händen.

„Warte nur, Kindchen, ich gebe ihn dir schon; aber erst muß ich mit dir sprechen; deine gute Mama schreibt so reizend. Sehr aufgeregt waren deine Eltern über deine Flucht, aber sie haben dir verziehen, und du darfst nun für einige Zeit bei mich bleiben; o, wie freue ich mir!“

Ilse horchte gespannt.