„Was steht sonst noch im Briefe?“ fragte sie hastig. „Was hat Papa gesagt?“

„Dein Papa wird dir schreiben, wenn ein Brief von dich angekommen ist. O, dein Vater ist ein so lieber Herr, er zürnt nicht mehr mit dir,“ versicherte Nellie treuherzig. [pg 64]„Hier lies ihn selbst, das Brief, was sonst noch darin steht,“ sagte sie und reichte ihn Ilse hin, die ihn mit zitternden Händen aus dem Kuvert nahm. Hastig faltete sie die engbeschriebenen Blätter auseinander, suchend überflogen ihre Augen Zeile auf Zeile, und eine schmerzliche Enttäuschung malte sich in ihren Zügen, als sie fertig gelesen hatte. Schweigend legte sie den Brief wieder zusammen und gab ihn Nellie zurück.

„Nun, Kindchen,“ sagte die junge Frau, „freust du dich nicht über den lieben Brief von deine Mama? Wie müssen dir deine Eltern lieb haben! Wie schön, daß du bei uns bist! Bleibst du auch gern hier?“

Ilse nickte. „Sehr gern, Nellie, und ich weiß auch,“ fuhr sie mit erregter Stimme fort, „daß mich meine Eltern lieben, sehr lieben, mehr wie irgend jemand auf der Welt. Ich will deshalb auch immer bei ihnen bleiben und sie nie verlassen!“

„O, Kind –,“ sagte Nellie vorwurfsvoll; aber Ilse unterbrach sie. „Ja das will ich, das will ich bestimmt, denn er ist ja doch nur froh, wenn er mich los ist!“ rief sie laut und warf mit bitterem Lachen den Kopf zurück.

Nellie sah die Freundin erschrocken an, und zurechtweisende Worte drängten sich auf ihre Lippen. Aber sie sagte nichts, ihr mitleidiges Herz hielt sie zurück, als sie sah, wie aufgeregt Ilse war, und daß sie nur mit Mühe einen leidenschaftlichen Ausbruch zurückhielt.

„O, darling, ich kenne dich nicht wieder,“ sagte sie leise und sah ihr traurig in die Augen. Da löste sich die Spannung von Ilses Gemüt, sie legte beide Hände vor das Gesicht und brach in heftiges Weinen aus.

„Was hast du, Herz? Sprich doch,“ bat Nellie, „vertraue mich, ich bin doch deine geliebte Freundin und verrate dich nicht. Sprich dir aus, Ilschen, mach dein kleine Herz leichter! Oder darf ich dir sagen, warum du so weinst? [pg 65]Ist es, weil dein Bräutigam nicht schrieb oder nicht kam, seine Schatz wieder zu holen? Ist es nicht dies Kummer, was deine Seele drückt? Gestehe es mich doch.“

Zärtlich und einschmeichelnd klang ihre Bitte, und Ilse wurde dadurch bezwungen. Sie nickte und lehnte sich an Nellies Schulter, indem sie leise fortweinte.

„Siehst du, ich dachte es mich wohl, darling, aber nun höre mich an. Ich bin dein vernünftige alte Freundin und muß dir ein paar ernste Worte einreden. Du kennst noch nicht die Männer, du lernst sie erst verstehen, wenn du deines Leo kleine Frau bist. Er ist viel zu nachgebend gegen dich; aber wenn ihr verheiratet seid, wird er nicht immer tun, was lieb Ilschen will. Das wird im Anfang viel Streitigkeit geben, denn die Männer wollen haben, daß wir uns in sie fügen, weil sie die Herren der Schöpfung sind. O du, du wirst lernen, wie schön das ist; denn haben wir uns einiges Mal gefügt, so können wir das liebe Mann um den kleinen Finger wickeln, und er merkt es nicht! Darum lieb’ Schatz, sei nicht hartnäckig. Du mußt dein Leo schreiben und ihn bitten, daß er dich verzeiht.“