Bis dahin hatte Ilse ruhig zugehört; nun brauste sie auf, und ihre Augen funkelten, als sie hochaufgerichtet vor Nellie stand.

„Um Verzeihung bitten?“ rief sie spöttisch. „Nellie, du kennst mich schlecht! Ihn um Verzeihung bitten, nein, dazu bin ich zu stolz. Nellie, so weit erniedrige ich mich nicht, nie und nimmer!“ Sie betonte die letzten Worte nachdrücklich und fuhr leidenschaftlich mit dem Taschentuch über ihre Augen, die noch von den eben vergossenen Tränen feucht glänzten, als wolle sie damit ausdrücken: „er ist es nicht wert, daß ich seinetwegen Tränen vergieße.“

Nellie sah sie angstvoll an, sie begriff die Freundin nicht.

„O Ilse,“ sagte sie, „wie kannst du so sprechen? Es [pg 66]ist große Unrecht von dich. Wie hast du mich selbst so oft geschrieben, wie treu und gut dein Leo ist, wie lieb –“

„Ich bitte dich,“ fiel ihr Ilse ins Wort und erhob flehend ihre Hände; „laß uns über diese Geschichte schweigen. Ich sehe ja, du bist auch auf seiner Seite. Ich natürlich, nur ich habe schuld! Ich soll mir alles gefallen lassen von ihm, so denkst auch du, Nellie; aber deshalb demütige ich mich doch nicht vor ihm!“

Nellie schwieg. Sie merkte, daß jetzt keines ihrer gutgemeinten Worte etwas fruchten, ja, daß ihr Zureden Ilses Trotz nur verschlimmern könnte. Aber sie wünschte in diesem Augenblick sehnsüchtig, daß bald die Zeit kommen möchte, die Ilse bekehren und ändern würde.

Das schrieb sie auch an Frau Anne und versprach ihr, allen Einfluß aufzubieten, der ihr zu Gebote stände; vorläufig aber müsse man den geliebten Trotzkopf ganz in Ruhe lassen.

Am andern Morgen saß Ilse eifrig schreibend in ihrem Stübchen, als Nellie hereintrat.

„Ich schreibe an die Eltern,“ sagte sie errötend und kam mit diesen Worten einer Frage Nellies zuvor. Dann sprang sie auf und ergriff Nellies Hände.

„Wollt ihr mich denn auch wirklich für einige Zeit behalten, bin ich euch nicht zur Last, und ist es auch deinem Manne recht und hast du mich auch noch ebenso lieb wie früher, Nellie?“