So ließ sie in ihrer lebhaften Weise die Fragen durcheinanderschwirren. Die junge Frau zog sie an sich.
„O, darling, wie kannst du so fragen? Wenn es dich verwöhnte Schoßkind nur bei uns einfache Leute gefällt, so werden wir froh sein. Wie freue ich mir auf dein Aufenthalt! Wir wollen eine vergnügte Zeit durchleben,“ rief sie jubelnd. In diesen Jubel stimmte Ilse nicht mit ein, sondern blickte gedankenvoll vor sich hin. Sie wollte [pg 67]Leo zeigen, daß sie fest bleiben könne; dieser Entschluß vollzog sich jetzt in ihrem Innern und verlieh ihren Zügen einen trotzigen Ernst.
Der Brief an die Eltern war abgeschickt, und Ilse war sicher, daß er sie wieder ganz versöhnen würde. Sie hatte dieselben herzlich um Verzeihung gebeten, aber zugleich die inständige Bitte ausgesprochen, nicht nach dem Grunde ihrer Flucht zu forschen.
In den nächsten Tagen traf ein großer Koffer mit Sachen für sie ein, worin ein langer zärtlicher Brief von ihrem Papa lag. Kein Tadel, kein Vorwurf enthielt derselbe; die sorgende Liebe, die aus jeder Zeile sprach, beschämte sie tief. Hatte sie dieselbe wohl verdient?
Am Schlusse des Briefes schrieb der Papa:
„Amüsiere dich nur recht gut bei deiner Nellie, liebes Kind, sei heiter und vergnügt, aber bleibe nicht zu lange fort und vergiß nicht deinen alten Vater!“
Diese Worte rührten sie sehr.
Nein, gewiß! Vergessen würde sie ihren einzigen guten Herzenspapa nicht. Leo wurde von ihm mit keiner Silbe erwähnt, und auch als ihr der andre Tag einen Brief von Frau Anne brachte, war sie enttäuscht, denn derselbe bewahrte ebenfalls tiefes Stillschweigen über ihn. Von allem erzählten die Eltern ausführlich, aber über Leo schwiegen sie beharrlich. Sie wußten gewiß, was zwischen ihnen vorgefallen war, und glaubten wohl, es würde ihr peinlich sein, wenn sie diesen Punkt berührten. Viel lieber wäre es ihr gewesen, von ihnen darüber zu hören, denn sie hätte gern gewußt, wie Leo die Entdeckung ihrer Flucht aufgenommen hatte; aber dennoch wollte sie um keinen Preis die Eltern danach fragen. Sie nahm sich fest vor, nicht mehr daran zu denken, ob ihr Leo schreiben würde oder selbst käme, um sie zu holen. In ihrem Herzen freilich lebte die sehnsüchtige Hoffnung nach einem Lebenszeichen von ihm fort und ließ [pg 68]sich durch alle ihre Vorsätze nicht zurückdrängen. Ohne daß sie es sich gestand, wuchs ihre Ungeduld von Tag zu Tag, und sie war schließlich in einer fieberhaften Aufregung. So oft der Briefträger kam, zitterte sie vor banger Erwartung, jedes Klingeln an der Türe ließ sie zusammenschrecken. Den Eltern schrieb sie eifrig, fast täglich, und erhielt ebenso regelmäßige Antworten. Wenn ein Brief von daheim ankam, ging sie schnell auf ihr Zimmer, riegelte die Tür zu und erbrach ihn mit zitternden Fingern. Sie durchflog die Seiten und wurde immer von neuem enttäuscht. Dann stürzten ihr oft heiße Tränen aus den Augen, und sie knitterte zornig das unschuldige Papier zusammen.
So schwanden ihr die Tage unter Zweifel und Ungewißheit dahin, und sie litt schwer darunter. Nellie war ihr eine treue Freundin voll zarter Aufmerksamkeit. Aber auch sie berührte nicht mehr das peinliche Thema. „Es ist besser, du schweigst,“ hatte ihr Mann gesagt, als sie wieder einmal versuchen wollte, ob sie Ilse bewegen könne, an ihren Bräutigam zu schreiben. Sie wußte von Ilses Mutter, daß Leo, empört und zugleich betrübt über die Tat seiner Braut, ihr auf keinen Fall schreiben oder gar selbst kommen würde. Aber sie brachte es nicht übers Herz, Ilse das zu sagen. Sie fürchtete einen neuen leidenschaftlichen Ausbruch und glaubte Ilses Widerstand dadurch nur noch größer zu machen. „Armes darling, wie tust du mich leid,“ sagte sie oft leise, wenn sie in dem blassen Gesichte der Freundin deren heimliche Kämpfe las, und sie fühlte mit ihr, wie sie litt.
Zwei Wochen waren für Ilse in Hangen und Bangen verstrichen. Sie hatte sich bei ihren liebenswürdigen Freunden vollständig eingelebt, und Nellie hatte es verstanden, sie bisweilen etwas aufzuheitern. Aber dann konnte sie auch wieder lange schweigend vor sich hinstarren, und die trotzig aufgeworfene Oberlippe ließ erraten, woran sie dachte.