„Sind die Herrschaften zu sprechen?“ fragte Nellie.

„Der Herr Doktor sind nicht zu Hause,“ stotterte das Mädchen verlegen, „aber ich will mal nachsehen –“

Ohne den Satz zu beenden, verschwand sie eiligst hinter der Türe. Nach einem Weilchen erschien sie wieder, riß die gegenüberliegende Stubentüre weit auf und meldete lakonisch:

„Da sollen Se rein gehen.“

Flora war nicht im Zimmer, und Ilse hatte Muße, sich gründlich darin umzusehen. Sie bedurfte übrigens nur weniger Blicke, um einen deutlichen Eindruck zu gewinnen. Wie viel vermißte hier ihr stark ausgeprägter Schönheitssinn! Traulich, harmonisch, geschmackvoll war es bei Nellie, ungemütlich, geschmacklos, ein wirres Durcheinander bei Flora! Die Möbel, gut und neu, entbehrten jeder Pflege, das sah man ihnen nur zu deutlich an, denn eine graue Staubdecke lag darauf. Die Bilder an den Wänden hingen schief, die Pflanzen am Fenster und im Blumentisch ließen durstig die Köpfe hängen, und die gelben vertrockneten Blätter an den Stengeln gaben ihnen ein traurig verkommenes Aussehen. Ilse, die eine große Blumenfreundin war, betrachtete sich die Ärmsten mitleidig und sah sich unwillkürlich nach einer Gießkanne um, ohne jedoch eine solche entdecken zu können. Auf dem Tisch vor dem Sofa, über den eine blaue Samtdecke gebreitet war, welche schief herab[pg 71]hing, lagen eine Menge Bücher, zum Teil aufgeschlagen, mit Flecken und umgebogenen Ecken, dazwischen Visitenkarten, Briefe, lose Blätter in einem wahren Chaos zusammen.

„Nellie, sieh nur,“ rief Ilse halblaut und zeigte mit der Hand auf diesen Wirrwar, „das nennt Flora gewiß ‚malerisch‘.“

„O, störe mir nicht in mein heiliges Andacht,“ gab Nellie zur Antwort, und als sich Ilse bei diesen mit Pathos gesprochenen Worten umwandte, sah sie Nellie mit gefalteten Händen vor einem Schreibtisch stehen, der seinen Platz am Fenster hatte.

„Hier schafft unser große Dichterin, Ilschen. An was für ein herrliches Mordgeschicht’ mag sie wieder dichten,“ fuhr sie in demselben feierlichen Tone fort.

Ilse hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzulachen, denn Nellie war zu komisch.

„Eben hat Florchen dieses Platz verlassen, wir haben ihr gewiß aus ihre schönste Gedanken gescheucht,“ fing Nellie wieder an.