Sie schien mit ihrer Vermutung recht zu haben, denn die Feder glänzte noch feucht von Tinte, der Stuhl stand jäh zur Seite geschoben, und einige Blätter, die an der Erde lagen, waren wohl beim eiligen Aufstehen auf den Boden geflogen. Mit beschriebenen und unbeschriebenen Blättern war der ganze Schreibtisch bedeckt, kaum daß die Stelle freigeblieben war, wo ein über und über bespritztes Tintenfaß thronte, das nicht aussah wie für einen Damenschreibtisch bestimmt.

„Sieh hier, darling,“ sagte Nellie leise und zog die noch immer sich verwundert umsehende Freundin mit sich fort, „das ist Florchens Mann.“

Sie zeigte auf ein Bild, das über dem Schreibtisch hing. Ilse trat näher heran und sah sich den nicht gerade [pg 72]hübschen aber interessanten Männerkopf mit dem kurz geschorenen Haar und Bart voll Interesse an. Sie war noch in der Betrachtung des Bildes versunken, als sich die Türe ungestüm öffnete und Flora auf der Schwelle erschien. Dieselbe fuhr erstaunt zurück, als sie Ilse gewahrte, deren Besuch sie gar nicht vermutet hatte.

„Mein Gott, Ilse, bist du es wirklich, oder ist es dein Geist?“ rief sie theatralisch mit weit vorgestreckten Händen.

„Beruhige dich, Flora,“ antwortete Nellie, „komme zu dich, es ist nicht ihre Geist, es ist die liebe Ilse in wahre [pg 73]Leibhaftigkeit. Sie kam uns auf recht lange Zeit zu besuchen.“

„Das Mädchen sagte mir, es wäre noch eine Dame dabei, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, daß diese Dame Ilse war. Ich dachte, es wäre vielleicht Rosi.“

„Wir wollten dir überraschen, Flora,“ erklärte Nellie.

„Aber nun willkommen, herzlich willkommen im eigenen Heim!“ rief Flora und ging mit geöffneten Armen Ilse entgegen, die kaum das Lachen verbergen konnte, weil Nellie sie bei dem ‚eigenen Heim‘ mit dem Ellbogen angestoßen hatte.

„Und nun setzt euch, Kinder,“ sagte Flora, als die Begrüßung vorüber war und sie sich von dem Erstaunen über Ilses plötzliches Erscheinen etwas erholt hatte. Sie führte die beiden zum Sofa und ließ sich ihnen gegenüber in einen der blauen Plüschsessel fallen, die um den Tisch standen. „Seid nur nicht böse, daß ich noch im tiefsten Negligee erscheine,“ entschuldigte sie sich und wies auf ihren allerdings recht primitiven Morgenrock. Mit einem schwärmerischen Ausblick fuhr sie fort: