„Doch, wenn ich einmal im Schaffensdrang bin, verläßt mich der Gedanke an die Wirklichkeit vollständig. Was liegt auch an dem elenden Putz und Tand! Am liebsten hülle ich mich in eine einfache Kutte, nur um die Zeit zu sparen und mich noch mehr meinen Arbeiten widmen zu können.“
Sie seufzte leise bei diesen Worten. Ilse und Nellie erwiesen ihr nicht den Gefallen, auf ihre Phrase vom Schaffensdrang näher einzugehen. Nellie schnitt das Thema kurz ab mit der Frage: „Wo ist dein Mann, Flora? Und die kleine Baby?“
„Ernst macht Krankenbesuche und kommt erst zu Mittag nach Hause,“ gab Flora gedehnt zur Antwort, die letzte Frage scheinbar überhörend.
„Ach Kinder,“ fuhr sie fort, „ihr glaubt nicht, wie entsetzlich schwer es ist, die Frau eines Arztes zu sein. An was muß man sich da nicht alles gewöhnen! Der Beruf ist furchtbar prosaisch, entbehrt jeder Poesie. Schon allein die Karbol- und Jodoformgerüche, in welche sich der Arzt hüllen muß, – puh, unausstehlich!“
Sie schnitt bei dem Gedanken an diese verpönten Gerüche ein wegwerfendes Gesicht und hielt sich unwillkürlich ihr stark parfümiertes Taschentuch unter die Nase.
„O, ich finde sie ein sehr schönes Parfüm, nix rieche ich lieber als Jodoform und Karbol,“ sagte Nellie ganz ernsthaft.
Entsetzt sah Flora sie an.
„Pfui, Nellie! das kann dein Ernst nicht sein,“ rief sie. „Aber freilich, du warst von jeher eine trockene, nüchterne Natur, du hättest eigentlich gut zu Ernst gepaßt.“
„O ja,“ erwiderte Nellie lächelnd, und aus ihren Grübchen sah der Schelm hervor, „und ich glaube, du gut zu mein Alfred, weil er hat ein so fein Verständnis für deine Poesien.“
Ilse freute sich im geheimen über Nellies Schlagfertigkeit, aber über Floras Gesicht ergoß sich eine brennende Röte. Sie fühlte den Stich aus Nellies Worten deutlich heraus, denn noch heute konnte sie Doktor Althoffs Kritik über ihre Werke nicht verschmerzen. Zugleich hatte Nellie unbewußt auf eine kleine Schwäche angespielt, die sie noch immer für ihren früheren Lehrer besaß. Sie antwortete nicht, sondern verbarg ihren Unmut und wandte sich an Ilse.