Das schwarze Kleid, das sie trug, war überreich mit Perlen besetzt, von denen schon viele die Flucht ergriffen [pg 79]und kahle Stellen zurückgelassen hatten. Aber für solche Kleinigkeiten hatte die geniale Flora keinen Blick und jetzt besonders nicht, denn ihre Aufmerksamkeit nahm der Referendar in Anspruch. Er hatte aus seiner Tasche ein Heft gezogen und überreichte ihr dasselbe.
„Ich habe mich an den Kindern Ihrer Muse wahrhaft ergötzt,“ sagte er, „seit lange habe ich nichts von so tiefem Inhalt, so poetischem Wert gelesen. Ich bewundre Ihre Phantasie, Ihren Geist, gnädige Frau.“
Flora schwamm in einem Meer von Seligkeit, ihr Gesicht strahlte, und triumphierend sahen ihre Augen zu den Freundinnen hinüber.
„Seht, es gibt doch noch Menschen, die mich und meine Werke verstehen,“ schienen sie zu sagen.
„Wie freue ich mich, daß Ihnen die kleinen Blümchen, die ich in dem Gärtchen meiner Poesie pflückte, gefallen,“ sagte sie bescheiden. „Macht es Ihnen Spaß, so gebe ich Ihnen ein größeres Opus zum Lesen mit, ich bin gerade damit fertig geworden.“
Sie stand auf, es zu holen, und diese Gelegenheit benützte Nellie und Ilse sich auch zu erheben, um sich zu verabschieden. Flora hielt sie jetzt auch nicht länger mehr zurück; es war ihr offenbar ganz erwünscht, daß sie gingen. Sie küßte beide mit überwallender Zärtlichkeit, trug Nellie tausend Grüße für den strengen Gebieter und Ilse ebensoviel an ihren Bräutigam. Als sie von der Türe zurück ins Zimmer trat, fing sie noch gerade den bewundernden Blick auf, den Herr Lüders Ilse nachsandte. Das stimmte ihre gehobene Laune etwas herab.
Als Ilse und Nellie schon auf der Treppe waren, fiel es ersterer ein, daß sie ja einen Schirm mitgebracht hatte. Sie gingen deshalb zurück, fanden ihn aber nicht mehr auf dem Platz, wo sie ihn hingestellt hatten.
„O, wahrscheinlich hat ihn das saubere Dienstbot weg[pg 80]gestellt, ich werde ihr fragen,“ sagte Nellie und ging in die Küche, die am Ende des Korridors lag. Gleich darauf rief sie:
„Komm, Ilschen, sieh dir mal die kleine Stiefkind von Flora an, – o, ist es nicht eine süße Baby?“
Sie hatte das kleine Wesen schon auf dem Arme, als Ilse hereintrat, welche als Kinderfreundin, die sie war, das Kind nun ebenfalls liebkoste und streichelte. Es war ein reizendes kleines Mädchen von vier Jahren, mit dunklen Augen und dunklem lockigen Haar. Ängstlich und schüchtern sah es die beiden an und bog sich bei ihren Liebkosungen abwehrend zurück, indem sie die Händchen fest gegen Nellies Brust stemmte.