„Bitte, Nellie, gib mir die Kleine nur ein einziges Mal,“ quälte Ilse, „ich mag Kinder so schrecklich gern. Meinen kleinen Bruder schleppe ich so viel herum, daß Mama oft schilt, denn sie will nicht, daß er so viel getragen wird. Der süße kleine Kerl, ob er sich wohl nach mir sehnt, oder mich schon vergessen hat?“

Sie seufzte bei diesen Worten, und in dem sehnsüchtigen Gedanken an das Brüderchen nahm sie Nellie das Kind so heftig aus dem Arm und preßte es so stürmisch an sich, daß es jämmerlich zu schreien anfing und mit Händen und Füßen die größten Anstrengungen machte, von Ilses Arm zu kommen. Erschrocken ließ diese es auf den Boden gleiten, Nellie aber kniete neben ihm nieder und fragte es:

„Wie heißt du denn, darling?“

Die Kleine antwortete nicht, weder auf diese noch auf ihre weiteren Fragen. Sie zog sich in eine Ecke zwischen dem Tisch und Küchenschrank zurück, und sah sich die beiden mit trotzig verschlossenen Blicken an. Dem armen kleinen Wesen fehlte die liebende, sorgende Hand der Mutter. Das fleckige Kleidchen aus dunklem schwerem Stoff, die schmutzige Schürze aus grellbuntem Kattun bewiesen, daß ihr Anzug ohne Lust und Liebe gewählt war.

„Arme Baby,“ sagte Nellie leise und sah mitleidig auf das Kind.

„Findest du nicht,“ fragte Ilse, „daß sie Ähnlichkeit mit unserer süßen Lilli hat? Ihre Augen haben denselben schwermütigen Ausdruck. Ist Flora denn nicht sehr glücklich über dieses reizende Kind?“

„O, ich glaube nicht,“ meinte Nellie, „es ist nie die Rede von die kleine Käthe, sie besorgt sich wenig um ihr. – Nun aber, Ilschen, es ist die höchste Zeit, daß wir fortgehen, sonst kommt Fred nach Hause und findet mich abwesend.“

Nellie beugte sich zu dem Kinde nieder und griff nach ihren Händchen, Käthe entzog sie ihr aber schnell und versteckte sie auf dem Rücken.

Als sie über den Vorplatz gingen, hörten sie Floras laute, etwas weinerliche Stimme; sie schien in lebhafter Unterhaltung mit Herrn Lüders begriffen zu sein. Auf der Straße hing sich Nellie an Ilses Arm und lachte mit dem ganzen Gesicht.

„Ein schöner Besuch, nicht wahr, Ilschen?“ fragte sie heiter. „Wie gefällt dich Flora als Frau und Mutter? Ist sie nicht noch eine ebenso verschraubte Person wie früher?“