Unwillig machte sie sich aus seinem Arm los und trat zurück.
„Das also ist deine Liebe,“ fuhr sie auf, „nicht den [pg 5]kleinsten Wunsch erfüllst du mir. Aber ich wiederhole noch einmal, ich will mich nicht fügen, jetzt nicht und wenn ich deine Frau bin, erst recht nicht. Nein – ich will dich auch nicht heiraten, denn ich sehe ein, du liebst mich nicht mehr.“ Hier brach sie in Tränen aus, in kindische, zornige Tränen. Wollte sie ihn dadurch zwingen, ihr nachzugeben? Dieser Gedanke stieg plötzlich in Leo auf; aber das durfte nicht, das sollte nicht sein. Mit der wärmsten, zärtlichsten Liebe hatte er sie zu beruhigen gesucht, und immer wieder war er auf Trotz und Widerstand gestoßen. Er war ärgerlich, sehr ärgerlich, und sein Stolz bäumte sich in ihm auf.
„Schäme dich, Ilse,“ stieß er hervor, „du beträgst dich wie ein ungezogenes Kind.“
In der Erregung klang seine Stimme vielleicht härter, als er beabsichtigte, denn Ilse fuhr fast entsetzt zurück bei seinen Worten. „Schämen!“ wiederholte sie und sah ihn ganz erstarrt an.
„Leo – Leo,“ rief sie mit zitternder Stimme, „nimm zurück, was du eben sagtest.“
„Ich kann meine Worte nicht zurücknehmen, Ilse,“ gab er ruhig zur Antwort, „denn du beträgst dich wirklich wie ein recht ungezogenes kleines Mädchen.“
Das war zu viel! Ihr Atem flog, und sie war nicht fähig, ein Wort zu erwidern. Ohne Leo noch eines Blickes zu würdigen, lief sie in das Haus und stieß in der Türe fast mit ihrem Vater zusammen, der eben auf die Veranda kommen wollte.
„Was hast du denn, Kind?“ fragte er, als sie so hastig an ihm vorbeistürmte und er ihre verweinten Augen sah. Doch sie gab ihm keine Antwort; wie ein gescheuchtes Reh lief sie die Treppen hinauf in ihr Zimmer und riegelte die Türe fest hinter sich zu. Sie warf sich in einen Stuhl und brach in leidenschaftliches Schluchzen aus, als wäre ihr das größte Unglück geschehen.
„Schämen“ hatte er gesagt, und sie ein „ungezogenes Kind“ genannt. Wie demütigend klangen diese Worte; glaubte er denn ein Schulkind vor sich zu haben, das er nach Belieben ausschelten konnte? – Sie richtete sich auf und preßte die Lippen fest aufeinander. Sie war kein Kind mehr, das wollte sie ihm zeigen! Wie konnte er nur so zu ihr sprechen – fühlte er nicht, wie furchtbar er sie kränkte? Ein neuer Tränenstrom brach aus ihren Augen, sie legte die Hände vor das Gesicht und schluchzte bitterlich. Immerfort tönten in ihrem Ohr die Worte: „Schäme dich, du beträgst dich wie ein ungezogenes Kind,“ und „nein, nein, er liebt mich nicht mehr,“ antworteten ihre Gedanken. Daß sie ihn durch fortwährenden Widerspruch erst zu dieser Äußerung gereizt hatte, das kam ihr nicht in den Sinn, das gestand sie sich nicht ein. Er hatte ihr großes Unrecht zugefügt, nur das empfand sie in ihrer aufs höchste gesteigerten Aufregung. – Was sollte sie tun, was beginnen? Wenn sie der Mama ihr Herz ausschüttete? Sie fühlte wohl, daß diese ihr nicht recht geben würde. Wenn sie zum Papa ginge? Ja, der würde seinen verzogenen Schützling gewiß in Schutz nehmen, aber lachend und scherzend wie immer – und das ging nicht, dazu war die Sache zu ernst. – Nein, es war auch am besten, wenn kein Mensch von dieser Kränkung erfuhr. Niemand wollte sie ihr Leid klagen. Ja, wäre Nellie hier – ihr würde sie alles anvertrauen, die würde sie verstehen. Aber die geliebte Freundin war in weiter Ferne; ach, wie schmerzlich sehnte sie sich in diesem Augenblick nach ihr. Sie stützte den brennenden Kopf in ihre Hand und blickte lange sinnend vor sich hin. Nellies Bild stand lebhaft im Geiste vor ihr, sie sah die treuen lieben Augen und hörte ihr kindlich frohes Lachen.
Könnte sie sich doch an ihre Brust lehnen, ihr alles erzählen, was sie so schwer bedrückte! Sie kam sich verlassen und einsam vor. Niemand verstand sie, und sie wollte auch niemand sehen mit dieser Schmach im Herzen. Leos Bild, [pg 7]das vor ihr auf dem Schreibtisch stand, schien sie spöttisch anzulächeln; sie stellte es fort, denn sie konnte diesen Blick nicht ertragen. Die Luft in dem kleinen Zimmer kam ihr erdrückend vor, sie konnte kaum Atem holen, und erst als sie beide Fensterflügel geöffnet hatte und die frische Herbstluft hereindrang, wurde ihr leichter.