Die Sonne war hinter Wolken verschwunden, welche immer dunkler und schneller herangezogen kamen und auch das letzte helle Blau am Himmel bedeckten. Ein starker Wind hatte sich aufgemacht und rauschte in den alten Bäumen, vor Ilses Augen tanzten wirbelnd welke Blätter durch die Luft. Wie öde und unfreundlich kam ihr mit einem Male die Natur vor, und doch hatte sie heute im sonnenhellen Lichte noch so freundlich gelächelt. So trübselig wie draußen sah es jetzt auch in ihrem Innern aus, sie glaubte nie wieder froh werden zu können.

Ob Leo nicht zu ihr kommen würde? Er mußte doch einsehen, welch schwere Beleidigung er ihr zugefügt hatte. Aber wenn er jetzt käme, wenn er jetzt an ihre Türe klopfte – nein – sie würde ihm nicht öffnen. Noch konnte sie ihn nicht sehen und hören – noch stürmte es zu heftig in ihrer Brust, und so leicht wollte sie ihm nicht verzeihen, er hatte es nicht verdient.

Unten im Garten knirschte der Kies unter festen Tritten, und laute Stimmen wurden hörbar. Hatte der Papa Besuch bekommen? Sie bog sich hinaus und sah ihn mit Leo daherschreiten, welcher lebhaft zu ihm sprach. Seine Stimme klang ruhig ohne die mindeste Erregung, als wäre nichts vorgefallen. Jetzt schien er sogar einen guten Witz zu erzählen, denn Herr Macket brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches Leo lustig mit einstimmte. Wie ein Mißklang tönte dieses Lachen an ihr Ohr. Empört schlug sie das Fenster zu, daß die beiden im Garten verwundert herauf sahen, – aber sie war schnell zurückgetreten, und von neuem [pg 8]wurde sie von leidenschaftlichem Zorn erfaßt. Das war zu viel! Also gleichgültig war ihm alles, er dachte wohl gar nicht mehr daran, wie er sie gekränkt hatte. Er war zum Lachen und Scherzen aufgelegt, während sie so schwer litt. Sie konnte das nicht ertragen, sie wollte ihm beweisen, daß er kein Kind mehr vor sich hatte – sie mußte ihm zeigen, daß sie sich eine solche Demütigung nicht gefallen ließ. Ja – das wollte sie ihm zeigen! – Aber wie? Was konnte sie beginnen? – Wie ein Blitz durchfuhr sie plötzlich ein Gedanke, an dem sie sich zitternden Herzens festklammerte. Sie wollte fort, fliehen, dann würde er ja wohl einsehen, daß er ihr bitteres Unrecht getan hatte. Sie sah in ihrem törichten Sinn nicht weiter, sie dachte nicht an die Sorge, den Kummer, den sie ihren Eltern und Leo durch einen solchen Schritt bereiten würde. Der plötzlichen Eingebung folgte sie, ja sie kam sich in diesem Augenblicke wie eine Heldin vor, ihr sonst so kindliches Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an, und die Lippen waren trotzig aufeinander gepreßt.

„Ich will fort und gleich – gleich jetzt!“ Sie sagte diese Worte laut vor sich hin, als wollte sie sich dadurch selbst in dem Entschluß befestigen, ihr abenteuerliches Vorhaben auszuführen. Hastig durchschritt sie das Zimmer. Die kleine Uhr, welche auf dem Ofensims stand, fing eben an zu schlagen; „drei – vier“ zählte Ilse. Um fünf Uhr ging ein Zug nach F., wo Nellies Mann seit seiner Verheiratung Oberlehrer am Gymnasium war. Eine Reise zu ihr war schon längst geplant, und Ilse hatte von den Eltern die Erlaubnis erhalten, nach Weihnachten einige Wochen in F. zuzubringen. Der stets sorgsame Papa hatte das Kursbuch schon genau studiert und für sie den Zug nachmittags fünf Uhr als den besten bestimmt. Den Bahnhof erreichte sie von Moosdorf bequem in einer halben Stunde – danach war es aber die höchste Zeit zum Aufbruch. Die verweinten Augen wusch sie mit frischem Wasser und ordnete ihr wirres Haar; sie setzte [pg 9]ihren Hut auf, holte ihren Mantel und hing ihn über den Arm. So, nun war sie fertig; sie dachte nicht daran, noch etwas andres mitzunehmen; sie tat alles mit einer fliegenden Hast, als könnte es sie doch am Ende noch gereuen, den tollen Streich beschlossen zu haben. Zum Glück fiel ihr im letzten Moment, als sie schon die Türklinke in der Hand hielt, ein, daß sie auch Geld haben müßte. Sie ging zurück und schloß ihren Schreibtisch wieder auf. Aus einem Kästchen nahm sie 30 Mark, die ihr der Papa erst gestern schenkte, weil sie irgend eine Dummheit begangen hatte, welche ihn entzückte und die er unbedingt belohnen mußte. Sie steckte das Portemonnaie in die Tasche und ging nun schnell zur Türe hinaus und die Treppe hinab. An der Haustür blieb sie zögernd und tiefaufatmend stehen. Lucies Bild trat ihr plötzlich deutlich vor Augen, mahnend schien es ihr zuzurufen: „Kehre um, kehre um!“ Fast war es, als würde sie schwankend in ihrem Entschlusse, denn auf ihrem Antlitz spiegelten sich bange Zweifel, aber Leos Bild drängte sich dazwischen, sie sah sein heiteres Antlitz, hörte sein ausgelassenes Lachen – und „fort! fort!“ rief es nun in ihrem Innern. Lucie hatte keine Gewalt mehr über sie, ihr ungestümer Sinn trieb sie zu einer Torheit, welche ihr die bittersten Stunden ihres Lebens bereiten sollte. Hätte sie ihren Bräutigam betrübt und niedergeschlagen gesehen, vielleicht würde sie diesen folgenschweren Schritt nie gewagt haben; aber er lachte ja und war vergnügt, – nichts hätte sie mehr darin bestärken können, ihr Vorhaben auszuführen, als sein harmloses Lachen.

Sie horchte, – nichts regte sich im Hause, die Mama war bei dem Brüderchen im Kinderzimmer; vor einer Begegnung mit ihr war sie also sicher. Durch ein Fenster spähte sie in den Garten – er war leer, die beiden Herren schienen weiter gegangen zu sein. Über den Hof konnte sie unbehindert gehen; die Mägde und Knechte waren draußen beschäftigt, [pg 10]die übrige Dienerschaft war in den Wirtschaftsräumen, welche auf der andern Seite des Hauses lagen.

Sie wollte niemand begegnen; es war ihr, als könnte man es auf ihrer Stirn lesen, was sie vorhatte. Deshalb lief sie schnell über den Hof durch das Tor auf die Dorfstraße und schlug den Weg zum Bahnhof ein. Wie ein gehetztes Wild floh sie dahin und wagte nicht, nach dem Hause zurückzublicken; nur von Zeit zu Zeit sah sie ängstlich zur Seite, ob auch keiner sie bemerkte. Es begegneten ihr einige Bauernfrauen, welche sie gut kannte, und die sie schon von weitem grüßten, denn sie war im Dorfe bei alt und jung beliebt. Heute dankte sie nur flüchtig für die freundlichen Grüße und eilte scheu an den Leuten vorbei; sie fühlte, daß ihr eine brennende Röte in die Wangen stieg, und sie kam sich wie eine ertappte Sünderin vor. Der Gedanke an das erlittene Unrecht beflügelte ihre Schritte, sie lief auf Koppelwegen durch die Felder, den aufgeweichten Boden nicht achtend, der sich schwer an ihre Sohlen hing. Aus den Stoppeln flog bei ihrem Nahen mit lautem Gekreisch eine Schar Krähen in die Höhe, und ängstlich erschrocken zuckte sie zusammen. Endlich sah sie von weitem das rote Bahnhofgebäude schimmern, und in kurzer Zeit hatte sie es atemlos erreicht.

Mit unsicherer Stimme forderte sie am Schalter eine Fahrkarte nach F. und setzte sich in das kleine, halbdunkle Damenwartezimmer an das Fenster. Der Zug mußte in wenigen Minuten eintreffen; sie wollte aber den Perron nicht eher betreten, bis er da war, aus Furcht, sie könnte noch Bekannte treffen. Richtig, da kam auch schon jemand, den sie kannte. Es war der dicke Oberförster, ein alter Freund ihres Vaters, der mit einem Herrn auf und ab ging; wahrscheinlich hatte er denselben zur Bahn gebracht. Sie drückte sich ganz in die Ecke, als die beiden am Fenster vorbeigingen. Wenn sie nun nachher nicht unbemerkt an ihm vorübergehen konnte, dachte sie ängstlich, und wenn er sie fragte, wohin [pg 11]sie reisen wolle, was sollte sie ihm antworten? Dieser peinvollen Ratlosigkeit machte der langgezogene Pfiff des erwarteten Zuges ein Ende; wenige Augenblicke darauf stand er vor dem Bahnhofgebäude still. Zitternd erhob sich Ilse und ging hinaus. Der dicke Oberförster unterhielt sich jetzt eingehend mit dem Bahnhofinspektor und wandte ihr glücklicherweise den Rücken zu. Sie trat schnell an den nächsten Schaffner heran und ließ sich von ihm ein Damencoupé anweisen. Ihr Herz schlug rasch, und es wurde ihr beklommen zu Mute, als sie einstieg; sie war froh, daß das Coupé leer war, denn sie hätte jetzt keinem Menschen frei ins Gesicht sehen können. Die Türen wurden zugeschlagen, noch ein Hin- und Herlaufen, dann läutete die Glocke zur Abfahrt, ein schriller Pfiff ertönte und die Wagen setzten sich langsam in Bewegung. Sie wagte es nicht, aus dem Fenster zu sehen, denn die Stimme [pg 12]des Oberförsters war immer noch deutlich vernehmbar. Erst als der Zug im schnellen gleichmäßigen Tempo dahinfuhr, stand sie auf und trat an das offene Fenster; die frische Luft wehte ihr erquickend um die Schläfen und kühlte ihr den fieberheißen Kopf. Mehr und mehr entschwand die heimatliche Gegend ihren Blicken, sie kannte schon keins der Dörfer mehr, an denen sie vorbeiflog. Wie es wohl jetzt daheim aussah, ob sie ihre Flucht schon bemerkt hatten? Im Geiste sah sie die bestürzten Gesichter ihrer Eltern – der Papa würde außer sich sein. In ihrer Aufregung hatte sie daran noch nicht gedacht, aber mit einem Male stieg dieser Gedanke qualvoll in ihr auf. War es nicht unrecht, die Eltern so zu ängstigen? Sie nahm sich vor, sofort nach ihrer Ankunft bei Nellie einen langen Brief an sie zu schreiben, sie um Verzeihung zu bitten und ihnen zu sagen, daß sie nicht anders habe handeln können. Was würde aber Leo zu ihrer Flucht sagen? Sie dachte mit einer gewissen Genugtuung daran, wie er nun doch einsehen müßte, daß sie einen festen Willen besaß, und ausführte, was sie wollte. Nun würde er wohl eine andre Meinung von ihr bekommen.

Wie konnte er sie nur so tief kränken, wenn er sie wirklich liebte – sie vermochte es nicht zu fassen. Er war doch sonst nie so hart gegen sie gewesen, und sie hatten sich schon so oft gestritten. Bis jetzt fügte er sich stets ihrem Willen, so oft sie ihn auch schon im tollen Übermut herausgefordert hatte; warum erfüllte er ihr heute nicht den kleinen Wunsch? Warum betonte er immer wieder, daß er als Beamter Rücksicht zu nehmen habe? Das klang so unterwürfig, so demütig; sie wollte ihn stolz haben, über alles Kleinliche erhaben.

Wie fing der dumme Streit denn nur eigentlich an? Sie waren ja so lustig gewesen und hatten von der Zukunft geplaudert; in einem halben Jahre, im Frühling sollte ja die Hochzeit sein. Leo war in dem nahen B. als Assessor [pg 13]angestellt und arbeitete schon seit einigen Wochen am dortigen Landgericht. Meistens besuchte er Sonntags seine Braut und scherzend erzählte er ihr dann von seinen Erlebnissen, von den Bekanntschaften, welche er gemacht hatte. Komisch und naturwahr schilderte er die Fehler und Schwächen von allen, was Ilse den größten Scherz bereitete. Da war die Frau Amtsrichter, welche alle jungen Ehepaare unter ihre Fittiche nahm und die Ansicht hatte, daß sich die jungen Frauen entschieden dem Rate der älteren „fügen“ müßten. Dann die Frau eines Arztes, die Neugierige, welche nicht ruhte noch rastete, bis sie die täglichen Neuigkeiten glücklich eingesammelt hatte. – Leo erzählte, wie er ihren Angriffen auf ihn stets geschickt ausgewichen wäre und daß es ihr nicht gelungen sei, auf ihre vielen Fragen über seine Braut, seine künftige Einrichtung und dergleichen eine Antwort zu erhalten. Er ahmte dabei das vor nervöser Ungeduld unruhige und bewegliche Mienenspiel der Dame so treffend nach, daß Ilse gar nicht aus dem Lachen kam. Heute hatte er zum erstenmal erwähnt, daß sie sich bald selbst von der Wahrheit seiner Schilderungen überzeugen könnte, denn alle diese Familien würden sie besuchen, teilweise auch mit ihnen verkehren.