Wie Ilse hoffte, daß er ihr schreiben oder zu ihr kommen würde, so begrüßte auch er jeden neuen Tag in der Hoffnung, ein Lebenszeichen von ihr zu erhalten und jeden Abend ging er enttäuscht zur Ruhe. Eine rastlose Unruhe ergriff ihn schließlich, er versuchte sich durch eine angestrengte [pg 111]Tätigkeit zu betäuben, aber es fehlte ihm die Lust am Arbeiten. Er suchte Zerstreuungen, aber er hatte kein Vergnügen daran. Nichts half ihm, sein jetziges Leben erträglicher zu machen, die peinvollen Zweifel zu verscheuchen, die in ihm auftauchten. Sollte er sich in Ilse geirrt haben? Diese Frage quälte ihn unzählige Male, und doch, – nein, nein, das war ja nicht möglich, so zuversichtlich kann man nicht auf einen Menschen bauen, um dann getäuscht zu werden. Aber warum schwieg sie? Glaubte sie wirklich, daß er nach diesem Fall eine Versöhnung zwischen ihnen herbeiführen könnte? Er hatte fest darauf gerechnet, daß sie einsehen würde, wie unrecht sie ihm getan habe, und daß sie umkehren würde auf dem gefährlichen Wege, den sie beschritten hatte. Sie unterwarf seine Liebe einer harten Prüfung. War sie derselben so sicher, oder war sie ihr gleichgültig?
Sein verschlossenes, verändertes Wesen fiel seinen Eltern auf, doch ohne Arg, den wahren Grund nicht ahnend, schoben sie es auf sein angestrengtes Arbeiten, das er auf ihre besorgten Fragen vorschützte. Sie wären tief betrübt gewesen, hätten sie gewußt, was zwischen dem Brautpaar vorgefallen war. Leo hatte ihnen gelegentlich kurz erzählt, daß Ilse einige Zeit bei ihrer Freundin zubrachte und bei seinen seltenen Besuchen im Elternhause wußte er das Gespräch immer von seiner Braut abzulenken. Eines Tages erklärte er seinen Eltern, daß er sich einige Zeit Urlaub genommen habe, da er fühle, wie er der Erholung, der Auffrischung bedürfe. Deshalb habe er vor, für einige Wochen mit einem Freunde nach Paris zu gehen, der dort seine Studien fortsetzen wolle.
Herr und Frau Gontrau waren über den plötzlichen Entschluß wohl etwas verwundert, aber Herr Gontrau billigte ihn vollständig und fand es sehr lobenswert, daß er Ilsens Abwesenheit zu dieser Reise benützte. Frau Annes kluge und diplomatisch abgefaßte Briefe an Gontraus [pg 112]ließen keinen Argwohn in ihnen aufkommen. Sie bestellte ihnen Grüße von Ilse, entschuldigte ihr Schweigen auf die beste, glaubhafteste Art und vertröstete sie immer von neuem auf einen baldigen Brief, dessen Ausbleiben sie dann wieder durch alle möglichen Ausflüchte erklären mußte; Ilse hatte nämlich auf ihre Anfrage, ob sie Leos Eltern, die so viel und oft nach ihr fragten, nicht einmal schreiben wolle, geantwortet, daß ihr dies unmöglich sei. Und Frau Anne dachte, es wäre am Ende auch besser, wenn sie nicht schriebe, denn das Gezwungene, was ein Brief unter diesen Verhältnissen haben würde, mußte die Eltern Leos, denen sie stets eine kindliche Liebe entgegen gebracht hatte, und die mit so großer Zärtlichkeit an der Schwiegertochter hingen, doch befremden.
Leo reiste fort, nachdem er sich zuvor noch von seinen Schwiegereltern verabschiedet hatte. Seit jenem Abend war er nur selten bei ihnen gewesen. Zwischen seinem Schwiegervater und ihm war eine Spannung entstanden, denn Herr Macket konnte es ihm nicht verzeihen, daß er seinem Liebling nicht nachgereist war und ihn wiedergeholt hatte. Frau Anne war es zwar gelungen, ihren Mann davon zu überzeugen, daß Leo über Ilsens kühnen Streich nicht mit Leichtigkeit hinweg gehen könnte, aber die Sehnsucht nach seinem Kinde packte ihn oft zu heftig und dann konnte er einen heimlichen Groll gegen Leo nicht ganz unterdrücken, wenn er schließlich auch einsah, daß derselbe ungerecht war.
Leo hatte seit jener Nacht nicht wieder mit seiner Schwiegermutter über Ilse gesprochen, und auch sie erwähnte sie nicht. Frau Anne teilte Nellie mit, daß Leo nach Paris gereist wäre. „Was wird Ilse dazu sagen?“ schrieb sie. „Ich fürchte, sie wird mit dieser Reise wenig einverstanden sein. Ich aber halte eine Zerstreuung, eine Ausspannung für Leo notwendig, denn er ist blaß und ernst geworden, und ich lese in seinem Herzen, wie schwer der Kummer auf [pg 113]ihm lastet. Wann wird dieser Zustand ein Ende nehmen? Ich hege die besten Hoffnungen für Ilses Bekehrung, aber manchmal zage ich doch, und dann denke ich voll Angst und Zweifel, wenn sie nun ihren Trotz nicht bricht, was wird dann? Leo gibt diesmal nicht nach, das weiß ich, denn an einem einmal gefaßten Entschluß hält er mit eiserner Beharrlichkeit fest. Sollen die beiden jungen Menschen eines unglückseligen Mißverständnisses wegen für ihr ganzes Leben unglücklich werden? Es wäre schrecklich, und diese Strafe zu hart für Ilsens Unbeugsamkeit. Auf Sie, liebe Frau Doktor, baue ich am meisten und ich glaube, daß es Ihnen am besten gelingen wird, unser Kind auf den richtigen Weg zurückzuführen. Sie haben einen großen Einfluß auf Ilse, welche Sie schwärmerisch liebt, und darum hoffe ich innig, daß Sie es vermögen, ihren Trotz zu brechen. Ich leide sehr unter den jetzigen Verhältnissen und mag das meinem Manne nicht zeigen, dem die Trennung von Ilse ohnedies so schmerzlich ist. Darum komme ich zu ihnen, kleine Frau, und schütte mein Herz aus und hole mir Trost bei Ihnen! Der Himmel gebe, daß sich noch alles zum Besten wende!
Ihre mütterliche Freundin
Anne Macket.“
Und Nellie verstand es, Trost zu spenden. Sie schrieb Frau Anne umgehend wieder, und in ihrer drolligen gemütvollen Weise schilderte sie ihr die Beobachtungen, welche sie bei Ilse anstellte.
„Es geht schon besser mit sie,“ hieß es in dem Briefe, „sie versinkt in eine tiefe Nachdenken und tut Fragen an mir, bei denen ich in ihr Inneres schaue. O, zagen Sie nicht, Ilschen liebt ihren Bräutigam noch, und wenn man sie in Ruhe läßt, wird sie eines Tages eine Einsicht haben und seine Verzeihung erbitten. Von der Reise nach [pg 114]Paris sage ich ihr nix, denn ich glaube auch nicht, daß sie dieser Reise gern sieht!“ – –
* * *
Bei Flora war große Gesellschaft! Die Gäste waren schon zum Teil versammelt, als Althoffs mit Ilse eintraten. Sie wurden von Flora stürmisch begrüßt, und dann stellte sie Ilse vor, deren neue Erscheinung mit Neugierde gemustert wurde. Eine Dame in mittleren Jahren in steifem hartblauem Seidenkleid und grellrosa Rosen im Haar und vor der Brust, die ihre nicht mehr jugendliche Gesichtsfarbe unvorteilhaft hervorhoben, näherte sich Ilse sofort und überhäufte sie mit einer Menge Fragen, so daß das junge Mädchen kaum zu Atem kommen konnte und nicht imstande war, sie alle zu beantworten. Sie hatte auch gar keine Lust dazu, denn die Neugierde dieser Dame war ihr zu unangenehm, und sie wunderte sich, daß Nellie, welche daneben stand, oft statt ihrer in der liebenswürdigsten Weise die gewünschte Auskunft gab, und als sie von der Dame für einen der nächsten Nachmittage zum Kaffee eingeladen wurde, bereitwilligst zusagte.