„O, wie wird es das arme Mann jetzt in die Gardinenkutsch’ schlecht ergehen,“ rief Nellie. „Ich möcht nicht in seine Fell sitzen, wie viel artige Redens wird ihn Rosi halten. O, und er war so lustig, er tut mich leid!“
„Rosi hat nicht nur töricht, sondern auch unrecht gehandelt; sie hätte mit Scherz über die Sache weggehen sollen, statt durch ihr Fortlaufen solche Ungemütlichkeit hervorzurufen. Nur durch ihr albernes Benehmen ist es [pg 109]so weit gekommen. Sie hat sich lächerlich gemacht. Es ist durchaus unwürdig von einer Frau, wenn sie stets ihren Willen durchsetzen will.“
Ilse war bei diesen Worten ihres früheren Lehrers nachdenklich geworden. Hatte sie bis jetzt auch stets ihren Willen durchsetzen wollen und dachte sie nicht, daß es in der Zukunft auch so sein müßte? Ja, Doktor Althoff hatte recht, es machte einen lächerlichen, unwürdigen Eindruck, wenn die Frau herrschte und der Mann sich fügte. Heute hatte sie sich davon überzeugen können. Ein Pantoffelheld, wie gräßlich, nein, den möchte sie nicht zum Manne haben. Und doch, wenn sich Leo jetzt und künftig immer ihrem Willen fügen sollte, würde er etwas anderes sein? Hätte sie nicht so gedacht, wäre es so weit gekommen? Wäre es nicht besser gewesen, sie hätte nachgegeben? Vergab sie sich dadurch etwas? Fiel es ihr unangenehm auf, wenn sich Nellie den Wünschen ihres Mannes in bereitwilligster Weise fügte und war sie deshalb eine untergeordnete Natur ohne selbständigen Willen? Nein, durchaus nicht, Nellie war nur klug, sie verstand es, fügsam zu sein, und erreichte durch ihr Nachgeben mehr, als durch eigensinnigen Widerstand; das hatte Ilse schon oft bemerkt. – Ein Gefühl der Reue wallte plötzlich heiß in ihr auf, und sie gestand sich, daß alles anders wäre, wenn sie nur das eine Mal nachgegeben hätte.
„Du bist ja so still geworden,“ sagte Nellie, „an was denkst du?“
„Ach, an gar nichts,“ gab sie ausweichend zur Antwort.
„Nellie,“ fragte sie dann nach einer Weile plötzlich, „nicht wahr, du magst es doch auch nicht leiden, wenn der Mann unter dem Pantoffel steht?“
„O, eine Pantoffelmann ist mich zum Totlachen, ich verachte ihn,“ rief die junge Frau. –
Ilse ertappte ihre Gedanken an diesem Abend noch oft [pg 110]bei Leo, und die ganze Nacht träumte sie von ihm. Sie war mit ihm zusammen, er sah aber ganz anders aus, als sonst, seine hohe Gestalt hatte etwas von der Unterwürfigkeit des Pastors, und zu allem, was sie sprach, sagte er: „Ja, ganz wie du wünschest, mein Kind.“ Das fand sie schrecklich und wurde schließlich ärgerlich, bis er ihr sagte: „Du willst ja, daß ich mich dir in allem fügen soll. Nur weil ich es nicht tat, hast du mich doch verlassen.“ Sein blasses, demütiges Gesicht brachte sie zur Verzweiflung, und sie flehte ihn auf den Knien an, daß er doch wieder anders werden möchte, so wie er früher war; sie wollte sich auch ändern und sie könnten dann wieder so glücklich sein wie früher. Als sie hierauf sehnsüchtig die Arme nach ihm ausstreckte, um ihn an ihr Herz zu drücken, griff sie in die leere Luft, – das Traumbild war verschwunden. Da quälte sie die Reue und entlockte ihr heiße Tränen, und als sie endlich aufwachte, fühlte sie, daß sie wirklich geweint hatte, und der Traum zog noch einmal beängstigend an ihrem Geist vorüber. Sie fragte sich, ob sie, wenn er jetzt käme, ihn wohl mit offenen Armen empfangen würde? Ja, ach wie gern, antwortete ihr Herz. – „Aber er kommt ja nicht,“ dachte sie traurig, „denn er liebt mich nicht mehr. Und doch wollte ich anders werden, käme er mich zu holen, aber mich so weit erniedrigen und ihn um Verzeihung bitten, nein, das kann ich nicht, das darf er nicht von mir verlangen.“ –
* * *
Leo litt unsagbar unter der Trennung von seiner Braut.