„Ich glaube, Herr Pastor,“ warf Althoff ein, „zum Fahren im offenen Wagen ist es heute abend zu kühl, Sie könnten sich erkälten.“
„Ich begreife überhaupt nicht, wie du auf diese Idee kommst, lieber Adolf,“ sagte Rosi unliebenswürdig, „wir sind doch nie im offenen Wagen gefahren. Aber bitte, nun beeile dich und steige ein, damit ich dir die Sachen zureichen kann.“ Sie drängte ihn zur Wagentüre. Er stieg aber nicht ein, sondern erklärte mit Bestimmtheit: „Der Wagen soll offen sein, sonst fahre ich nicht mit!“
„Herr Pastor, Ihre Frau hat recht,“ legte sich nun Nellie ins Mittel, die bei seinem Widerstand in Rosis Gesicht ein Ungewitter aufziehen sah, „es ist keine schöne Luft diese Abend, ein ander Mal können Sie der Sterne besehen.“
Sie sprach das erlösende Wort, denn der Pastor bestand nicht länger auf seinem Willen. Er ging auf Nellie zu und drückte ihr die Hand.
„Frau Doktor, vielen Dank, es war zu schön, zu schön,“ versicherte er voll Begeisterung. Und dann umarmte er Althoff, als nähme er Abschied, mindestens um nach Amerika zu gehen; dann übermannte ihn die Rührung, er konnte [pg 108]nicht mehr sprechen und stieg in den Wagen. Rosi sprang hinter ihm her, machte schnell die Türe zu, als hätte sie Angst, daß er wieder entschlüpfen könnte, und trieb den Kutscher zur Eile an. Sie sah noch flüchtig aus dem Fenster und nickte den draußen Stehenden zu, dann zog sie die verblichenen Gardinen dicht zusammen. Die schwerfälligen Gäule, durch einige Peitschenhiebe angetrieben, zogen langsam an, und die große Kutsche rumpelte von dannen.
Als die drei wieder im Zimmer waren, warfen sich Nellie und Ilse ungestüm ins Sofa und brachen in ein unbändiges Gelächter aus.
„Ihr seid doch noch recht alberne Kinder,“ sagte Althoff kopfschüttelnd. Aber Nellie sprang auf, hing sich an seinen Hals und drehte ihn im Kreise herum.
„Kein strenge Wort, Fred,“ rief sie lustig, „ich muß mir erst auslachen über den Pastoren-Ehepaar.“
„Ich finde, daß es hier nichts zu lachen gibt, Nellie,“ sagte er ernst. „Diese Szene zwischen den beiden war sehr peinlich, und ich habe mich über Rosi geärgert. Ich kenne sie nicht wieder; aus dem fügsamen sanften Mädchen ist eine herrische, anspruchsvolle Frau geworden, die mit ihren pedantischen, verkehrten Ansichten ihrem Manne das Leben schwer zu machen scheint.“
„Ich bin auch erstaunt, wie sehr sich Rosi verändert hat,“ sagte Ilse. „Sie hat ihren Mann vollständig unter dem Pantoffel.“