Wie liebenswürdig klang diese Bitte ihres Nachbars! Ohne Scheu sah Ilse auf und blickte in ein Paar ruhige ernste Augen, denen sie nicht auszuweichen brauchte.
„Ich danke Ihnen,“ sagte sie leise und griff nach ihrem Glase.
Doktor Andres glaubte ihr nichts lieberes erweisen zu können, als wenn er in dem Gesprächsthema fortfuhr; denn wovon konnte man eine Braut besser unterhalten, als von ihrem Bräutigam? Er fragte, wie lange Ilse schon verlobt wäre, wann sie heiraten würde und was ihr Verlobter [pg 117]wäre. Sie hätte ihm vielleicht unbefangener geantwortet, wenn sie die Augen ihres Gegenüber nicht unablässig auf sich ruhen gefühlt, wenn sie nicht empfunden hätte, mit welcher Aufmerksamkeit jedes ihrer Worte drüben belauscht wurde.
„Ich habe unter meinen Studiengenossen einen sehr lieben Freund,“ sagte der Arzt zu Ilse, „der auch Jurist war und jetzt schon längere Zeit wohlbestallter Assessor ist. Vor ungefähr zwei Jahren bekam ich seine Verlobungsanzeige, und er kündigte mir dabei mit wenigen Zeilen einen ausführlichen Brief an, der bald eintreffen sollte, aber bis heute noch nicht erschienen ist. Die alten Beziehungen scheinen zu erkalten, wenn man verliebt und verlobt ist, wahrscheinlich nehmen die Liebesbriefe zu viel Zeit in Anspruch. Sie müssen das ja aus Erfahrung wissen, gnädiges Fräulein. Ich bin von Heidelberg, wo wir einige Semester zusammen studierten, nach Berlin gegangen und seit einem halben Jahre bin ich hier am Hospital Assistent des Doktor Gerber. – Mein Freund wird sich wundern, wenn ich nächstens von hier aus einen Angriff auf ihn ausüben werde, denn ich möchte gern mal wieder etwas von ihm hören. Vielleicht ist er schon in den Hafen der Ehe eingelaufen und ein biederer, solider Ehemann geworden. Ich kann ihn mir als solchen nicht vorstellen, er war ein urfideles Haus, ein famoser Korpsbruder, der gute Gontrau.“
Es war ein Glück, daß er sich eben jetzt zur Seite wandte, weil ihm seine Nachbarin eine Schüssel reichte, und daß er deshalb nicht bemerken konnte, wie Ilse bei der Nennung dieses Namens zusammenfuhr und blaß wurde. Und wieder begegnete sie den forschenden Blicken des Referendars, der wie auf der Lauer zu sitzen schien und dem, trotz der lebhaften Unterhaltung mit Flora, nichts von dem Gespräch des ihm gegenübersitzenden Paares entging. Ilses Zusammenschrecken bei dem bewußten Namen interes[pg 118]sierte ihn augenscheinlich aufs höchste. Was für eine Bewandtnis mochte es damit haben? Plötzlich überflog ein triumphierendes Lächeln seine Züge, er beugte sich zu Flora hinüber und fragte sie, wie der Bräutigam von Fräulein Macket hieße. Trotzdem er leise gesprochen hatte, hörte Ilse doch seine Frage, und voller Angst, daß ihr Nachbar Floras Antwort vernehmen könnte, richtete sie schnell einige gleichgültige Worte an ihn. Erleichtert atmete sie auf, als gleich darauf die Tafel aufgehoben wurde und der junge Doktor sie in das andre Zimmer führte. Sie hätte so gerne Nellie gesprochen, aber die Freundin hatte ihr mit einem innigen Händedruck freundlichst zugenickt und saß jetzt neben einer alten Dame, mit der sie sich eifrig unterhielt. So mußte sie sich denn bis später gedulden und kam der Aufforderung eines jungen Mädchens, neben ihr Platz zu nehmen, gerne nach. Die Herren hatten sich zum Teil in das Rauchzimmer zurückgezogen, und Flora hüpfte von einem zum andern. Sie wollte durchaus die liebenswürdige Wirtin spielen, was ihr aber schlecht gelang, denn durch ihr fahriges Wesen versetzte sie ihre Gäste mit in Unruhe.
„Sie müssen uns etwas vorsingen,“ wandte sie sich jetzt an das junge Mädchen neben Ilse, die jedoch gegen diese Zumutung eifrig Einsprache erhob, da sie ganz heiser wäre und so lange nicht gesungen hätte. Mit diesen üblichen Ausreden suchte sie sich frei zu machen, aber Flora ließ nicht locker.
„Sie müssen, Liebste,“ entschied sie schließlich kurzweg und ging in ein kleines Nebengemach, wo ein Klavier stand, das sie öffnete. Nachdem sie noch die Lichter angezündet und aus einem Schrank einen Stoß Noten hervorgeholt hatte, den sie auf das Instrument warf, kam sie zurück und zog die junge Dame, die ihr wie ein Opferlamm folgte, mit sich fort. Eine geraume Zeit stöberten die beiden in den ungeordneten Noten herum, und als sie endlich etwas [pg 119]Passendes gefunden hatten, ertönte ein lauter Akkord, der energisch um Ruhe zu bitten schien. Die Unterhaltung im Damenzimmer verstummte denn auch sofort, und die Herren in Doktor Gerbers Zimmer dämpften ihre Stimmen. Einen Genuß konnte man die nun folgende musikalische Aufführung nicht nennen, denn die gänzlich ungeschulte Stimme war nur dünn und klein, und der ebenso mangelhafte Vortrag konnte dafür nicht entschädigen. Man brauchte ja nur das junge Mädchen mit der schlechten Haltung und der eingefallenen Brust anzusehen, aus der unmöglich ein freier Ton hervorquellen konnte. Die Damen hatten ihre Plätze verlassen und sich in dem Musikzimmer im Halbkreis dicht hinter der Sängerin gruppiert, was dieselbe vollends befangen machte und aus der Fassung brachte. Sie kam denn auch mehrere Male aus dem Takt, und es erklangen infolgedessen solche Disharmonien, daß einige der Zuhörerinnen das Taschentuch vor den Mund nahmen, um ihre Heiterkeit zu verbergen. Ilse fand den Gesang abscheulich, und da sie sich dabei langweilte, schlich sie sich leise von der offenen Türe, in welcher sie gestanden hatte, fort und trat an ein kleines Tischchen, das neben dem Blumentisch stand und mit Büchern und Bildern bedeckt war. Dorthin setzte sie sich und blätterte mechanisch in den Büchern.
Es war ihr sehr erwünscht, jetzt nicht sprechen zu müssen, denn der Gedanke, daß der junge Mediziner ein Freund Leos war, beschäftigte sie unaufhörlich. Sie entsann sich jetzt auch, von Leo den Namen Andres öfter gehört zu haben. Gerne hätte sie sich bei Tisch noch von ihm erzählen lassen, ihn nach manchem gefragt, aber der scharfe Beobachter gegenüber lähmte ihre Zunge. Der Gesang hatte jetzt auch teilweise die Herren herangelockt, nur Floras Mann ließ sich in seinem lebhaften Gespräch mit einem Kollegen nicht stören, und er mußte es sich daher gefallen lassen, daß seine Frau ihn zur Ruhe verwies.
„Dieses ewige Fachsimpeln von dir ist schrecklich,“ sagte sie halblaut und scheinbar im Scherz. „Du solltest doch auch für höhere Genüsse zugänglich sein, lieber Ernst.“
„Du weißt, Kind,“ antwortete er freundlich, „ich bin nun einmal ein Musikbarbar. Weil ich absolut nichts davon verstehe, habe ich auch kein Interesse dafür.“