„Ja, leider,“ sagte Flora, ihm verdrießlich den Rücken wendend, und ging wieder in das andre Zimmer.
„Es ist traurig,“ sagte sie mit einem vielsagenden Blick zu Herrn Lüders, „wenn alle Poesie, alles Höhere in dem Materiellen und Nüchternen untergeht. Mein Mann hat für nichts weiter Sinn als für seine Kranken.“
Der Referendar gab ihr eine zerstreute Antwort, er hatte jetzt Wichtigeres zu sehen und zu hören, als Flora mit ihrem Klagelied. Scheinbar ganz in die Musik vertieft, saß er auf einem Sessel und hatte den Kopf in die Hand gestützt, als wollte er sich von nichts ablenken lassen, was ihm den köstlichen Genuß stören könnte. Durch seine Finger aber sah er unverwandt nach dem kleinen Tisch hinüber, wo Ilse sich eingehend mit Doktor Andres unterhielt, der sich eben zu ihr gesetzt hatte. Ilse war heimlich darüber erfreut gewesen, denn nun bot sich vielleicht die Gelegenheit, ihn nochmals nach Leo zu fragen, und sie sann darüber nach, wie sie das Gespräch auf ihn bringen könnte, ohne daß er es auffällig fände.
„Sie lieben wohl die Musik nicht, gnädiges Fräulein?“ richtete der junge Mann das Wort an sie. „Ich vermute dies wenigstens, weil diese Bücher Sie viel mehr zu interessieren scheinen, als der Gesang.“
„O doch,“ erwiderte Ilse schnell, „aber offen gestanden, diese Stimme und der Vortrag sind doch zu schlecht, finden Sie nicht auch?“
Er nickte lachend.
„Übrigens ist mein Urteil gänzlich unzulänglich,“ meinte [pg 121]er dann, „denn ich habe es nur bis zu den Kneipliedern gebracht und selbst diese sang ich falsch; ich habe deswegen auch von meinen Heidelberger Freunden manchen Spott ertragen müssen.“
Ilse bebte vor innerer Erregung; jetzt konnte sie ihn wohl nach Leo fragen, ohne daß er Argwohn schöpfen würde.
„In Heidelberg ist es wohl sehr schön?“ fragte sie unbefangen.