So eindringlich war diese Frage, und in ihrer Stimme [pg 123]klang ein leises Beben, daß der junge Mann sie verwundert anblickte.
Sie merkte es und bezwang sich, wieder ruhig zu erscheinen.
„Bitte, sagen Sie,“ wiederholte sie möglichst unbefangen, aber mit schwer unterdrückter Neugierde, denn es brannte ihr auf der Seele, das weitere zu wissen.
„Ja, wirklich richtig verliebt war er.“ Doktor Andres gebrauchte Ilses eigene Worte und sprach sie mit Betonung aus, innerlich belustigt über ihre kindliche Frage. „Er hat ihr die schönsten Blumen geschickt, und wir hatten ihn sogar in Verdacht, daß er ihr Gedichte gemacht hat.“
Gewiß sind das dieselben, die er mir nachher geschickt hat, dachte Ilse, und ein Gefühl eifersüchtiger Abneigung gegen diese Nebenbuhlerin stieg in ihr auf. – Leo hatte dieselbe nie erwähnt, – warum nicht? Ob sie wohl hübsch war?
„Wie sah denn das junge Mädchen aus?“ fragte sie laut. „War sie schön, blond oder dunkel, groß oder klein? Bitte, bitte, beschreiben Sie mir dieselbe!“
Wieder mußte der junge Arzt lächeln, denn Ilses Neugierde kam ihm so echt weiblich vor; er konnte ja nicht wissen, daß hinter dieser ‚weiblichen Neugierde‘ ein berechtigtes tiefes Interesse versteckt war.
„Sie fragen aber gründlich,“ sagte er lachend. „Man merkt, daß Sie eine Juristenbraut sind. Hier haben Sie die Personalbeschreibung der jungen Dame, also: sie war mittelgroß, zierlich und graziös. Sie hatte dunkle Haare und wundervolle schwarze, wahrhaft phänomenale Augen –“
„Also wirklich schön,“ unterbrach ihn Ilse.
„Ja, auffallend liebreizend, dabei klug, aber etwas kokett. Sie war sich zu genau bewußt, wie verführerisch sie war.“