„Ihr Freund lag ihr natürlich zu Füßen?“
„Wenn Sie das wörtlich meinen, gnädiges Fräulein, so habe ich Gontrau in dieser Situation allerdings niemals gesehen; aber es ist wohl möglich, denn er war ein feuriger Anbeter.“
Hätte der junge Mann nur eine Ahnung gehabt, welchen Sturm seine Worte in dem Herzen seiner Nachbarin hervorriefen, er hätte gewiß geschwiegen. Aber es plauderte sich zu angenehm über alte Erinnerungen, besonders da Ilse eine so eifrige Zuhörerin war. –
„Liebte denn das junge Mädchen Ihren Freund auch?“ fragte sie weiter.
„O, natürlich! Der begeisterte Verehrer gefiel ihr sehr gut, das haben ihm ihre schwarzen Augen oft genug verraten. Es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie sich verlobt hätten, aber die Amerikanerin reiste dann wieder fort, und ‚aus den Augen, aus dem Sinn‘. Er hat sie jetzt gewiß längst vergessen, diese seine Studentenliebe. Daß seine Zuneigung keine ernstliche war, beweist ja schon seine Verlobung mit einer andern.“
Ilse war aufgestanden, denn sie konnte ihre immer wachsende Aufregung nicht mehr verbergen.
„Mir ist es auch unbegreiflich, daß sich Ihr Freund nicht mit jener Dame verlobt hat,“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Wie konnte er es wagen, sich mit einer andern zu verloben? Das ist doch merkwürdig, das ist unrecht! Er hätte seiner ersten Liebe treu bleiben müssen; warum hat er es auch nicht getan? Gewiß ist er doch jetzt recht, recht unglücklich geworden?“
Ihre Stimme erstickte unter hervorbrechenden Tränen, und sie stützte zitternd die Hand auf den Tisch.
Doktor Andres sprang nun ebenfalls in höchster Bestürzung auf.
„Aber, mein Fräulein,“ rief er ganz ratlos und erschrocken, „was ist denn geschehen? Ich verstehe Sie nicht, [pg 125]erklären Sie mir doch Ihre Aufregung! Habe ich Sie beleidigt? Ich bitte Sie, so sprechen Sie doch,“ drängte er, als Ilse ihm keine Antwort gab und noch immer mit den Tränen kämpfte. Sie antwortete nicht.