Die beiden jungen Leute hatten wenig auf Floras Geschwätz geachtet. Ilse stand noch immer stumm und wagte nicht die Augen aufzuschlagen. Sie überlegte fortwährend, was sie Andres sagen solle; mußte er sich denn nicht mit vollem Recht über ihr Schweigen wundern? Sollte sie ihm die Wahrheit gestehen? Nein, das ging nicht, sie [pg 127]müßte sich unsagbar vor ihm schämen. Sie wußte keinen Rat und hatte nur den einen Wunsch, aus dieser so peinvollen Lage befreit zu werden. Wenn nur Nellie käme! Saß sie denn noch immer nebenan im Musikzimmer?

Suchend schweiften ihre Blicke umher.

„Suchen Sie jemand, gnädiges Fräulein?“ fragte Andres, „soll ich Ihre Freundin rufen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, bitte bleiben Sie,“ bat sie fast flehend.

Ihm war die Lage, in der er sich befand, gleichfalls höchst unangenehm, und er hätte derselben gern ein Ende gemacht. Aber durfte er fortgehen, da sie ihn so flehentlich bat, zu bleiben? Daß sein Freund Gontrau wirklich der Bräutigam der jungen Dame war, daran konnte er nach Ilses Erschrecken nicht zweifeln. Hätte sie auch sonst dem Referendar nicht widersprochen, oder, wenn ein Irrtum vorlag, denselben aufgeklärt? Warum hatte sie ihm verschwiegen, daß sie die Braut Gontraus war, was sollte das bedeuten? Die ihm eigene wahre Herzensbildung sagte ihm aber, daß er sie nicht fragen dürfe, ohne sie peinlich, ja vielleicht schmerzlich zu berühren.

So standen denn die beiden wieder eine Weile schweigend nebeneinander. Ilse spielte mit dem Blatt einer Fächerpalme und Andres betrachtete eine Photographie, welche auf dem Tische stand.

Im Nebenzimmer sang das junge Mädchen in den schmelzendsten Tönen und mit einer fast ans Weinen grenzenden Rührung die Klage Margarethas: „O Lieb’, wie bist du bitter, o Lieb’, wie bist du süß!“

So wenig Ilse sonst zu sentimentalen Anwandlungen geneigt war, heute fanden diese Worte ein Echo in ihrem Herzen. Ja, süß war auch ihr die Liebe erschienen, aber mußte sie nicht jetzt die Bitterkeit kosten? Wenn sie die Menschen für eine glückliche Braut hielten, war es nicht [pg 128]eine Lüge, daß sie es mit lächelndem Gesichte zu bestätigen schien? Mußte sie nicht sagen: „Ihr täuscht euch, ich bin nicht glücklich, ich bin unglücklich, tief unglücklich?“ War denn wirklich der Grund ihres Zerwürfnisses mit Leo wichtig genug, um solche Folgen zu haben, daß sie nun Komödie spielen mußte, was sie in die ärgsten Verlegenheiten brachte, ihr die größte Pein bereitete? „Ach, wäre es doch nicht so weit gekommen, hätte ich mich nicht zu der unglückseligen Flucht hinreißen lassen!“ So dachte sie jetzt in ihrem Innern und seufzte schmerzlich auf.

Die schweigsame Nachbarin wurde dem Doktor auf die Dauer ungemütlich, und als er ihren Seufzer vernahm, ergriff er die Gelegenheit und fragte, ob er sie vielleicht zu den andern Damen führen solle.